Heilsgeschichte

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Nein – ich bilde es mir nicht ein! Die Verblödung ist unaufhaltsam. Sie muss es sein, weil sonst die Heilsgeschichte nicht vorankäme.

Mich erfasst in letzter Zeit besonders dann eine gewisse Ungeduld über den Fortgang der Heilsgeschichte, wenn ich höre, wie sich Menschen über ihre traurigen Lebensumstände empören, denen es keinen Funken der Irritation wert ist, wenn sie ihre Toiletten mit Trinkwasser spülen.

Aha, werden sie jetzt sagen, wieder einer von diesen links gestrickten grün-ökologischen Weltverbesserern, die uns den hart erarbeiteten Wohlstand nicht gönnen. Sie irren sich. Grüne Weltverbesserer sind mir gerade so lieb wie rotbraune. Der Ausruf „An die Laterne!“ ginge mir leicht von den Lippen, wenn ich den Mullahs dieser wie jeder anderen die Herrschaft über die Welt beanspruchenden Religion damit nur beikäme. Das aber ist so unmöglich, wie Kinder zu erziehen. Sie werden jedenfalls wie ihre Eltern. Meinte jedenfalls der weise Narr Karl Valentin.

Es gibt schlechterdings keinen „evolutionären Fortschritt“ im menschlichen Verhalten. Es gibt nur immer mehr Menschen. Meines Wissens hat noch niemand eine seriöse wissenschaftliche Studie darüber abgeliefert, ob im Zuge der explodierenden Bevölkerungszunahme seit 200 Jahren mehr Steinzeitverhalten oder mehr Aufklärung in die Welt gekommen ist. Meine Erfahrung sagt mir, dass die Anteile steinzeitlicher, feudaler, frühkapitalistischer, totalitärer Verhältnisse zum historischen Menschheitsganzen genau dem gegenwärtigen Anteil entsprechen. Um es einfacher zu formulieren: Es gärt nach wie vor überall, nur auf engerem (globalem) Raum und mit weniger Fluchtmöglichkeiten, und das bedeutet: das Ende – also die Apokalypse – ist genau so nahe wie die Erlösung.

Gott sei Dank.

Wilhelm Buschs Zeichnung vom asketischen Eremiten Antonius

Wilhelm Busch: Der Hl. Antonius, moosbewachsen, in Askese versunken und der Welt entronnen

Falls Sie mit dieser Erkenntnis nichts anfangen können: Arbeiten Sie weiter an der Verbesserung der Welt, rauchen Sie nicht, trinken Sie nicht, essen sie kein Fleisch, sparen Sie keine Steuern, quälen Sie keine Tiere – vom Umbringen zu schweigen – und besuchen Sie keine Freudenhäuser. Für die Feministen: Reisen sie nicht in mit einer Mischung aus Steinzeit, Gottesstaat, Kommunismus und Frühkapitalismus gesegnete Regionen, um ihr Urlaubsgeld für einen Fick mit einem attraktiven Nichtfeministen auszugeben. Bleiben Sie politisch korrekt!

Und jetzt kommt’s: Ich habe mich lebenslang Frauen gegenüber so gut wie nie politisch korrekt verhalten. Ob sie mich mochten oder nicht, war auch so gut wie nie eine Frage der politischen Korrektheit. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander, und ich habe – mutwillig, unbedacht oder sogar in vollem Bewusstsein Regeln aller Art missachtet. Wer auch immer diese Regeln aufstellte, tat es – in seiner Lesart – zum Zwecke der Weltverbesserung; der Fortschritt der Menschheit verdankt sich indessen den Regelverstößen mindestens ebenso sehr wie ihrer Einhaltung. Auf einen wissenschaftlichen Beweis der Anteile dürfen wir getrost bis zum Jüngsten Tag warten.

Das Altern geht mit der vergnüglichen Gewissheit einher, dass einer nie mehr politische Korrektheit zum Teil eines Balzspiels machen muss. Wozu also sollte er überhaupt noch politisch korrekt sein?

Vielleicht, damit ein Staatswesen ihm nicht die Rente streicht – sofern es ihn nicht gleich ins Lager oder in die Psychiatrie verfrachtet.

Bei beidem handelt es sich um „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“.

Menschenwerk

Liebespaar im Kornfeld

Illustration meiner Mutter zu Erich Kästner „Der Juli“

Die Instrumente menschlichen Handelns ändern sich, nicht aber die Handlungsimpulse. Egal, wie sich Liebespaare finden – über Dienste im Internet, auf Parties, in der Disco oder im Flüchtlingslager: Ihr Ziel ist dasselbe. Und wann, wo, wie, für welchen Zeitraum sie es erreichen: Das ist der Stoff für Träume, Dramen, Opern, Lieder, Gemälde, Romane, Gedichte – so wie in Erich Kästners Versen über den Sommermonat und das „zerzauste Pärchen“, verborgen im Korn auf zerdrücktem Mohn:

„Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluss des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.“

Die stärksten Impulse lassen sich kaum steuern. Das ist der Stoff für Konflikte. Eltern, Lehrer, Tugendwächter, Politiker stehen ihnen immer wieder hilflos gegenüber. Auch wenn sie sich fortwährend neuer, besserer Werkzeuge der Manipulation versichern – Menschen verhalten sich nur zeitweise nach ihren Wünschen. Dann zwingt der blinde Fleck aller Dominanten, ihre  Selbstwahrnehmung, sie zum rücksichtslosen Einsatz ihrer Machtinstrumente. Angela Merkel ist zum schlagenden Beispiel geworden. Sie stellte sich gewiss nicht selbst in jene Phalanx der von Troja bis Vietnam katastrophal Scheiternden, die Barbara Tuchman in „Die Torheit der Regierenden“ beschrieben hat. Ihr Platz darin ist ihr gleichwohl so sicher wie ihr Beharren auf „Alternativlosigkeit“. Sie ist Täterin und Opfer machtbesessener, größenwahnsinniger Politbürokratie. Sie wuchs hinein, sie verlor die Fähigkeit, Folgen ihres Handelns selbstkritisch zu befragen.

Ihr Denkmal steht freilich wie die von Marx, Lenin, Stalin, Mao Zedong auf einem ziemlich gehärteten historischen Sockel. Massen von Mitläufern mauern ihn allzeit auf, solange ihr Eigennutz solche Bauwerke befestigt. Die Instrumente ändern sich, die Handlungsimpulse nicht. Männer und Frauen sind verschieden? Ja – aber genau darin sind sie gleich: In dem Erhalt der Impulse. So passen sie perfekt nicht zueinander.

Wenden wir den Blick ab, geneigter Leser. Wem das Glück widerfährt, das zu verstehen, der kann in all dem unvermeidlichen Geschehen seinen Sinn für Schönheit entwickeln, und wenn er noch mehr Glück hat, erlebt er im Treiben lassen und gegen-den-Strom-Schwimmen ein erfülltes Da-Sein: Zwischen Mut, Angst, Hass und Liebe, Versagen und Gelingen. Das Tier im Menschen wird ihm vertraut. Die Furcht schwindet. Wenn am Ende die Kräfte nachlassen, wird er einsam, und das letzte Glück ist, dennoch geliebt zu werden. Dann nimmt der Schmerz ihn hin.

Es ist der Fluch des modernen Feminismus, dass er sich der Verschiedenheit von Männern und Frauen nicht vergewissern, sondern sie einebnen will. Aber Leben ist Konflikt. Wer den Endsieg zur moralischen Ultima Ratio erklärt, läuft in die Falle des tödlichen Totalitarismus – erkennbar am Elend der Grünen, des Genderismus und aller anderen -ismen. Sie müssen auf Konflikte mit Feindbildern und Krieg antworten. Die Herden der Mitläufer(-innen) sind schnell mobilisiert, denn auch deren Impuls zur Teilhabe an der Macht ändert sich nicht. Diese Herden wachsen – von Krieg zu Krieg – jedenfalls schneller nach, als alle Versuche, mit Konflikten anders umzugehen, als die Katastrophen seit je nahelegten. Deshalb ist die meistgebrauchte Strategie: Mehr desselben.

Immerhin: Die sich daran abarbeiten, sind noch nicht ausgestorben. Insofern darf einer den Glauben an eine Heilsgeschichte nicht aufgeben, auch wenn der Blick aufs politische Personal und seine Gefolgschaft noch so trostlos ist.

Europa der Völker oder der Bürokraten?

KershawAchterbahn2dDieses Buch ist ein Solitär in der Vermittlung jüngerer europäischer Geschichte. Am Ehesten würde man ihm gerecht, wenn man es zum Ausgangspunkt möglichst vieler Debatten zwischen Generationen, Nationalitäten, politischen Einstellungen machte – eine Hoffnung, die in scharfem Kontrast zum herrschenden Geist in der Politik, in den Medien und leider auch zur mangelnden Sorgfalt in der Gestaltung von Schulbüchern und Lehrplänen steht.

Den Titel hat Ian Kershaw trefflich gewählt. Sowohl was das schwindelerregende Auf und Ab, das Tempo und die Rasanz anlangt, mit der seit 1950 Geschichte „erfahren“ wird, als auch die rasch wechselnden Perspektiven und atemberaubenden Momente nahe am Absturz: Der Zeitgenosse bestätigt ihm, dass er ihn zu einer großartigen Reise einlud. Sie führte durch erschreckende und bezaubernde Landschaften, lenkte den Blick auf unbekannte Details, schärfte das Gefühl für abrupte Wendungen. Sie ist noch nicht zu Ende.

Die Bibliographie belegt ein veritables Gebirge an Informationen, das Ian Kershaw durchforscht hat, er hat dort hinein klug die Trasse seiner Achterbahn konstruiert, er baut Ausblicke auf Krisen und Umbrüche, Personen und Parteien, Ökonomie, Politik und Kultur, auf Nationen, Europa und die Welt ein und setzt sie zueinander in Beziehung. So wird etwa das Panorama des Kalten Krieges zugleich breit und tiefenscharf. Beim Betrachten desselben ebenso wie beim Passieren von Abgründen möglicher nuklearer Konflikte oder des hochbrandenden Jubels nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erlebte ich meine eigene Vergangenheit als sehr präsent – wie viel Glück ich hatte, dem DDR-Sozialismus zu entkommen! – und doch sehr, sehr fern. Das liegt wohl an der klaren, unverschnörkelten Sprache des Erzählers, sie ist frei von Effekten, aber keineswegs ermüdend. Dafür ist gewiss auch dem Übersetzer Klaus-Dieter Schmidt zu danken.

Freilich: Wer Höhen und Tiefen der Historie selbst “durchwandert” hat, schaut mit anderen Augen auf die Bilder dieser Berg- und Talfahrt als Jüngere. Ihnen mögen sie wie Kulissen erscheinen, die sich mit anderen Geschichtsbildern vergleichen lassen. Ian Kershaw verhehlt nicht, dass er seine Route durchs zurückliegende Jahrzehnt an offiziösen Sichtachsen ausrichtet. So erscheinen etwa Klimawandel und Energiepolitik in allzu bekanntem Ausschnitt. Der Sachverstand von Naturwissenschaftlern und Technikern (nicht einmal der des IPCC) blendet die Chancen der Nukleartechnik für eine gewünschte Begrenzung des Kohlendioxyds in der Atmosphäre längst nicht mehr aus. Kershaw verweilt dagegen beim populistischen Ruf nach “Atomausstieg” – wegen der in Tschernobyl und Fukushima offenbarten Gefahren dieser Technik. Aber wenn dieser Ruf auch ein langes Echo hat: Der vermeintliche Echofelsen ist aus Medienmaché.

Ian Kershaw ist klug genug, kritische Fragen an die Zukunft seiner britischen Heimat und der EU zu stellen, er ermahnt dringlich zu Reformen. Was er sich dabei vom Walten der Bundeskanzlerin Merkel und des Präsidenten Macron verspricht, blieb mir rätselhaft. Bisweilen verengt er die Perspektive, etwa wenn er zunehmenden Islamistischen Terror auf Kolonialismus und fraglos verderbliche Interventionen des Westens im Nahen Osten bzw. in Afrika sowie Benachteiligungen von Moslems in Europa zurückführt. Innersystemische Impulse religiös grundierten Machtwillens kommen kaum ins Blickfeld.

Zeit, einen Blick auf eine zweite Metapher des Autors zu werfen, den “Schraubstock”. Er verwendet sie für die totalitären Regimes des Ostblocks, sie ist einprägsam aber etwas simpel. Es drehten ja nicht nur ein Stalin, Breshnew, Honecker und ihre Gefolgschaft an der Schraube gesellschaftlicher Kontrolle. Da sind Hunderttausende von Rädchen und Hebeln im Gestell des Staates und der Medien, “An-Gestellte”, und was sie treibt, ist nicht nur Einkommen, sondern auch informelle Teilhabe an der Macht. Sie gehören dazu, und Konformität ist der Eintrittspreis.

Solche Organisationen, gern auch als Bürokratie bezeichnet, waren in der Geschichte erstaunlich resilient gegenüber Machtwechseln: Deutsche Beamte blieben nach Hitlers Ermächtigung ebenso in Lohn und Brot wie nach dessen Untergang. Jüngstes Beispiel sind fast problemlos vom IS übernommene Behörden in Teilen des Irak; Houellebecqs Roman “Soumission” (“Die Unterwerfung”) beschreibt den Übergang zur Herrschaft des Islam in Frankreich aus der Sicht eines Hochschul-Angestellten. Ian Kershaw beweist auf der Fahrt mit der Achterbahn auch seine Sachkenntnis in Kunst, Literatur, Musik. Erstaunlicherweise deutet er nur an, welche Fragen sich insbesondere für die Kultur stellen, wenn in der EU, aber auch den UN und zahllosen immer mächtigeren NGO eine supranationale Bürokratie heranwächst, deren Anspruch auf Konformität schon sichtbar, deren Kompetenz zur Lösung der entscheidenden Konflikte in der Welt aber genau deshalb durchaus zweifelhaft ist.

Am Anfang ihrer Amtszeit verkündete Angela Merkel, sie wolle der Bürokratie Schranken setzen. Inzwischen treffen planwirtschaftliche Ausflüge der Bundeskanzlerin – etwa in der Klima-, Energie- und Migrationspolitik – auf ein erstaunliches Einvernehmen bei fast allen Parteien. Auch die Medien gehen gern konform. Widerspruch gegen die uneinlösbaren Wechsel auf europäische, gar globale Lösungen wird gern mit politischem Extremismus in Verbindung gebracht: “Rechts” und “populistisch” sei das. Auch Kershaw zeigt mit dem Finger in diese Richtung. Dass aber in Polen, Ungarn, Österreich konservative Regierungen großen Rückhalt finden, eben weil Frau Merkel und die EU-Bürokratie versagen, klärt er gar nicht als systemischen Mangel auf. Kurz und Orban haben nicht seine Sympathien – anders als der “grüne” Österreichische Präsident Van der Bellen. Das ist schön subjektiv, schmälert nicht das Vergnügen und ist mir viel lieber als vorgebliche „Objektivität“.

Am Schluss der “Achterbahnfahrt” spricht Kershaw vor allem von der Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit und Unwägbarkeit aktueller Entwicklungen. Nein, eine EUdSSR wird es nicht geben, schon gar kein neues Nazireich. Aber bewegen wir uns nicht derzeit auf den Gleitkissen politischer Korruption weiter Richtung Konformismus? Viktor Frankl hat ihn als ebenso gefährlich für die Demokratie bezeichnet, wie den Totalitarismus, und mit dem Blick auf China, wo der Staat mit totaler Überwachung Konsens und Konformität der Meinungen durchsetzt, ist das beklemmend aktuell.

Unvermeidlich sind und bleiben Konflikte mit solchen Staaten, wenn individuelle Freiheit und Menschenrechte verteidigt werden sollen. Werden die westlichen Demokratien standhalten oder sich – wie auch immer ideologisch fundierten – kollektivistischen Diktaten unterwerfen? Sie haben – z.B. in den KSZE-Verhandlungen – Stärke bewiesen, als sie Menschen- und Bürgerrechte gegen den totalitären Konsens von der Überlegenheit sozialistischer Gesellschaften vertraglich durchsetzten. Vielen Europäern brachte das die Freiheit. Dass ein solcher Prozess in globalen Konflikten möglich wird, ist nicht mehr als eine Hoffnung. Sie zerbräche, wenn in den europäischen Staaten selbst Überwachung und Kontrolle durch bürokratische Apparate – seien es Behörden oder “outgesourcte” Zensur-, Spitzel- und Denunziations-Kollektive – die Freiheit der Bürger auf konforme Schienen zwänge.

 

Ian Kershaw Achterbahn

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Originaltitel: Roller-Coaster. Europe 1950-2017

Originalverlag: Allen Lane

Hardcover mit Schutzumschlag, 832 Seiten, 15,0 x 22,7 cm

mit Abbildungen

ISBN: 978-3-421-04734-2

Ein Standardwerk fürs Überleben in Freiheit (Schluss)

Zurück zu Teil 3

Stasi und KSZEDas KSZE-Nachfolgetreffen in Madrid war noch beeinträchtigt vom Afghanistan-Krieg und dem NATO-Doppelbeschluss. Aber seit 1984 wurde in Stockholm über „Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen” verhandelt (VSBM), und politisch verbindliche Zugeständnisse – vor allem im Militärischen – begünstigten die Vorbereitungen zur nächsten KSZE-Konferenz in Wien. Diese letzten Kapitel von “Staatssicherheit und KSZE-Prozess” sind gewiss die aufregendsten. Denn als im März 1985 Michail Sergejewtisch Gorbatschow an die Spitze der KPdSU rückte, wendete sich das Geschehen zwar nicht sofort, aber je weiter er seine Reformen gegen den Widerstand im Apparat – nicht zuletzt des KGB – durchsetzen konnte, desto dynamischer verliefen auch die Prozesse der Entspannung. Die SED und ihre Stasi waren ratlos. International sahen sie sich zunehmend isoliert, im Inneren wuchs der Widerstand parallel zur Zahl der Ausreiseersuchen.

Selvage und Süß zeichnen in vielen Facetten jene Erstarrung der DDR-Institutionen, die den Sturz von Honecker, Mielke, Krenz, den Fall der Mauer und das Ende der DDR herbeiführte. Ein Blick auf die personelle Struktur der DDR-Delegationen, auf den Mangel an Mut und Fähigkeit, jenseits der von “ganz oben” verordneten Direktiven zu entscheiden, auf die piefige und duckmäuserische Subalternität, die sich in der Figur Mielkes manifestiert, beweist: Diese Hierarchien der organisierten Verantwortungslosigkeit waren schlechterdings nicht lernfähig. Dass sich sogar innerhalb des Apparates – etwa an der Stasi-Hochschule in Potsdam – kritische Stimmen regten, blieb einfach unbeachtet.

So bildeten sich letztlich auch in der DDR oppositionelle Gruppen, die sich mit tschechischen (“Charta 77”), polnischen, westeuropäischen vernetzten. Die Stasi konnte zwar noch Druck ausüben, dass sie bekannt wurden, war in den 80er Jahren längst nicht mehr zu kontrollieren. In Schwedt an der Oder – außerhalb des Empfangsbereichs der Westberliner Sender – ließ die Kreisleitung der SED in neugebauten Wohnblocks sogar Kabelfernsehen installieren, “Feindsender” inklusive, um qualifizierte Arbeitskräfte für das Petrolchemische Kombinat anzulocken. Von dort stammt der Witz: Die drei wichtigesten Tage des DDR-Bürgers? Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Dienstag gibt’s „Dallas“, Mittwoch „Denver“, Donnerstag gibt’s Fleisch.

Titel des Romans "Raketenschirm"

Theater gegen Staatsmacht – und Literatur als Elixier der Freiheit

Von dort stammen auch die letzten auffindbaren Akten meiner Karriere als “feindlich-negative Person”. Beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) fand sich nichts aus den Jahren 1983 bis 89, alles spricht dafür, dass sie mit dem Gros aller Unterlagen der “Hauptabteilung Aufklärung” vernichtet wurden, denn spätestens mit meiner Ausreise wurde ich wegen meiner Kontakte zu Regierungsstellen und Medien in der Bundesrepublik eine Zielperson für die HVA.

Die bis 1987 von Markus Wolf geführte Auslandsorganisation war – vielleicht als einzige – imstande, sich mit einem “Plan B” auf einen eventuellen Machtwechsel einzustellen, und die Verbindungen zum KGB rissen nicht ab. Soviel ist sicher: Alle am KSZE-Prozess Beteiligten konnten lernen, auch die von sozialistischen Ideen zur Weltverbesserung nicht lassen mochten. Die globalen Entwicklungen seit 1990 revolutionierten die Informationsströme und -gepflogenheiten. Sie erschlossen neue Formen der Organisation und der Einflussnahme auf Wirtschaft und Regierungen. China und Russland sind Weltmächte, und was dort an Überwachung und Verfolgung auf Oppositionelle wartet, ist nach wie vor erschreckend. Und wie steht es bei uns, im „vereinigten Europa“ um die Bürgerrechte, die im KSZE-Prozess dem sozialistischen Lager abgetrotzt wurden?

Brauchen mehr oder weniger sozialistische Parteien in Europa nur deshalb keinen offiziellen Staatsfunk, keine “Presseorgane” und keine Stasi mehr, weil sie sich auf einen wohligen Konformismus verlassen können, der nicht mehr wahrnimmt, wie Freiheiten und Rechte des Einzelnen von etatistischen und korporativen Übergriffen paralysiert werden? In den nicht selten aus Steuern finanzierten “NGO” finden sich reichlich Partner für Kollektivintereressen aller Art. Es entstehen die seltsamsten Bündnisse zur informellen und materiellen Machtübernahme. In den Medien gilt es als ehrenhaft, sich selbst zum Moralapostel und Schallverstärker politischer Strömungen zu erheben, abweichende Meinungen zu schmähen und einer Zensur das Wort zu reden, die jeweils den anderen trifft. Worte wie „durchregieren“ und „alternativlos“ machen Karriere, als deuteten sie nicht auf oligarchische, gar totalitäre Absichten.

Was die KSZE, was Politiker von Format wie Willy Brandt, Egon Bahr, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt, Gorbatschow, Schewardnadse und Dissidenten wie Sacharow, Vaclav Havel, Lech Walesa erreichten, ist erstaunlich. Aber alle Konflikte, die auszutragen waren, um Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat verpflichtend festzuschreiben, sind  heute weltweit nur in wenigen Regionen lösbar. Und so viel belegt dieses lesenswerte und als Quelle unschätzbare Buch: Jede Politbürokratie, sei es die von Regierenden oder NGO, versagt an dieser Aufgabe so jämmerlich wie das „moralisch bessere Deutschland“ von Erich & Erich.

Die geliehene Erde

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Hieronymus Bosch „Das irdische Paradies“

Wir Lebenden – so lese und höre ich immer wieder einmal – haben die Erde nur von zukünftigen Generationen geliehen. Wir seien also verpflichtet, durch nachhaltiges Wirtschaften, durch achtsamen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen diesen Nachfahren eine wohl bestellte Erde zu übergeben. Mindestens so wohl bestellt, wie die „Leihgeber“ dieselbe vorzufinden wünschen, wenn nicht besser.

Das bedeutet nichts anderes, als sämtliche Ansprüche von vorgestellten Menschen einer vorgestellten Zukunft samt dem vorgestellten Zustand von Tieren, Pflanzen, natürlichen Ressourcen zu Maßgaben heutiger Entscheidungen zu machen. So versuchen fürsorglichen Eltern sich die Zukunft ihrer Kinder vorzustellen, sie wünschen, dass ihre Kinder es „einmal besser haben“ sollen. Gute Eltern! Gute Eltern erziehen ihre Kinder dann gewiss auch zu derselben Haltung: Auch die haben ja nur von Nachfahren geborgt und müssen vererben, was jene an gepflegtem Planeten erwarten.

Ein Blick in die Geschichte weckt bei mir erhebliche Zweifel, ob dabei nicht allerhand schiefgehen kann. Zugleich frage ich mich, mit welchem Recht und bis zu welcher Grenze einer seinen Vorfahren vorwerfen darf, ihn nicht in eine wunschgemäß ausgestattete und gepflegte Umwelt hineingeboren, sondern ihm stattdessen gewaltige Probleme hinterlassen zu haben. Muss er sich nicht während seiner Ausbildung und seines Arbeitslebens mehr oder weniger engagiert, fleißig, manchmal erfolgreich mit „ererbten“ Kulturgütern ebenso wie mit hinterlassenen Konflikten befassen? Unsereiner hatte reichlich Gründe, das Verhalten von Eltern und Großeltern kritisch zu betrachten. Durfte ich also nicht meiner Mutter und Großmutter vorwerfen, durch das Festhalten an bürgerlichen Traditionen, durch Dulden, gar Unterstützen des Nazireichs sich mitschuldig gemacht zu haben an Krieg und Massenmorden, an den folgenden Mangeljahren, die meine und meiner Mitschüler Kindheit und Jugend prägten?

Das tat ich durchaus, dazu wurde ich von manchem Lehrer und den „Jugendorganisationen“ der DDR unablässig angeleitet. Dennoch gelang es insbesondere meiner Großmutter, meine Neugier und mein Interesse für überkommene Leidenschaften und Irrtümer, für Glück und Unglück der Vorfahren zu entzünden. Womöglich noch schlimmer: Sie brachte mich ans Lesen. Sonntags besuchte ich den Kindergottesdienst, nicht weil sie es forderte, sondern weil es mir dort gefiel. Natürlich lernte ich so auch das vierte Gebot kennen: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir‘s wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“ Ein Gebot, das auf Nachfahren verpflichtet, gibt es nicht. Kinder kommen in jüdisch-christlichen Geboten nicht vor, außer als diejenigen, die ihren Eltern Respekt schulden.

Dekalog

Dekalog-Pergament 1768

An dieser Stelle empfehle ich, die „Zehn Gebote“ der Juden und Christen einmal ebenso an der Realität zu prüfen, wie die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“. Gönnen Sie sich den Spaß zu lesen, was 1958 von SED-Chef Ulbricht verkündet, 1963 ins Parteiprogramm aufgenommen wurde. So sollten wir zu neuen Menschen erzogen werden. Lassen wir Glaubensfragen einmal außen vor: Welches Gebot halten Sie für einigermaßen lebenstauglich?

Natürlich haben wir Walter Ulbrichts volkspädagogische Handreichungen damals genauso ignoriert, wie ich es heute mit Erziehungsversuchen durch Politiker, NGO oder ihnen dienstbare Journalisten tue. Sie verpflichten auf abstrakte kollektive Ziele und haben mit Realitätssinn so wenig wie mit der Kenntnis von Naturgesetzen zu tun. Ihre Fragwürdigkeit tarnen Geübtere mit ritueller Mechanik: Worthülsen vom laufenden Band. Heines Wort über „Das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel, mit dem man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel“ ist Handlungsmaxime der neuesten Weltenretter. Na klar: „Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenn‘ auch die Herren Verfasser. Ich weiß: sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser.“ Und heute jetten sie klimarettendend oder urlaubend um den Globus, ihre schwere Aufgabe verlangt Opfer.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“, heißt es. Sozialisten bewiesen oft und eindrucksvoll, dass von ideologischem Schwulst zu massiver Unterdrückung jeder Gegenmeinung nur ein kleiner Schritt ist, sobald sie zur Macht kommen. So entstanden sozialistische Paradiese mit einer ganz eigenen Moral – etwa „Alle sind gleich, aber einige sind gleicher.“ Die Sprache wurde politisch angepasst, und wer „1984“ gelesen hat, kennt die bestechende Logik von „Freiheit ist Sklaverei“, „Krieg ist Frieden“… Ich höre heute noch die Fistelstimme des „Spitzbartes“, wenn Politbürokraten die Bevölkerung über die Gnade belehren, in ihrem Paradies gut und gern leben zu dürfen

Die uralten Regeln aus der Bibel erschienen mir dagegen alltagstauglich. Ich versuche bis heute, sie weitgehend einzuhalten. Es hat mir nicht geschadet, gelang freilich nicht immer. Das ging meinen Vorfahren nicht anders, deshalb schaue ich mit einigem Respekt auf ihre Leistungen, entdecke dabei Erstaunliches und nehme jene Moralprediger nicht mehr ernst, die ihre eigene Großartigkeit durch „brutalstmögliche“ Aufklärung des Versagens überragender Persönlichkeiten der Geschichte beweisen wollen. Nur auf den Schultern makellos reiner Heroen wollen sie zu stehen kommen. Den Ansprüchen von Feministen, Philosemiten, Umwelt- und Tierschützern, Menschenrechtsaktivisten und Anti-Irgendwas-Kämpfern müssen die Unter-stützenden (korrekt gegendert!) entsprechen, ansonsten blüht ihnen posthum der Pranger.

Das Problem dabei: in der Realität sind wir von all den Milliarden vor uns im historischen Geschehen Lebenden untrennbar, auch von den schlimmsten Übeltätern. Wir können es uns nicht aussuchen, denn wir hängen an allen Prozessen, unterliegen all den bis ins Molkeulargenetische ausgeprägten Impulsen der Entwicklungsgeschichte, die Menschen mit dem Universum verbinden. Die Geschichte war und ist nicht änderbar, nur interpretierbar. Man nennt das jetzt „Narrativ“, und im Dienste einer Gerechtigkeit, die bei genauerem Hinsehen viele kleine Nutznießerchen hat, darf daran kräftig weggelassen, geschraubt, beschönigt werden, um den eigenen Profit zu mehren. Je größer und mächtiger die Korporation, desto heftiger. Das ist nicht neu, aber seit dem 20. Jahrhundert haben wir gelernt, wie totalitäre Diktaturen Vergangenheit umlügen und versprechen, die Welt zu retten, auch wie sie dabei mit abweichenden Meinungen und mit Menschen umgehen, die sie äußern.

Mag sein, dass Johann Sebastian Bach – wie die allermeisten seiner Zeitgenossen – judenfeindlich eingestellt war. Seine Musik ist es nicht. Wenn das Werk mehr weiß als sein Schöpfer, wird es überleben. Eine widerlegte Theorie aber wird nicht dadurch richtig, dass sie als religiöse Wahnidee fortexistiert und womöglich Gesellschaften umstürzt. Sie hat die Wahrheit gegen sich: unsere gelebte, auf Vergangenem gründende Realität. Sie schenkt die Freiheit, Nein zu sagen, wenn Ideologen und Politbürokraten die Zukunft bewirtschaften wollen.

Opas Tabakspfeifen (1)

OpasPfeife

Student in Stuttgart ca. 1906

Dass ich an Opas Tabakspfeifen geriet, war unvermeidlich. Sie hatten sein ganzes Leben lang zu ihm gehört, immer hatte er sich Tabak verschafft und geraucht, sogar in Kriegsgefangenschaft, in den Baracken eines Camps in der australischen Wüste. Das ist über hundert Jahre her. Mit dem Krieg traf er nur zusammen, weil 1914 ein britischer Kreuzer im Indischen Ozean das deutsche Handelsschiff „Rappenfels“ aufbrachte, in dessen Maschinenraum er als Ingenieur Dienst tat. Danach saß er 5 Jahre hinter Stacheldraht, weit genug weg vom Stacheldraht der Fronten und Schützengräben, er hatte Glück im Unglück. Viele seiner Mitgefangenen starben noch 1919 auf See an der spanischen Grippe, als sie auf einem heruntergekommenen russischen Dampfer namens „Kursk“ in die Heimat expediert wurden. Dort gab es für den Schiffsingenieur Karl keine Zukunft, denn die Handelsflotte hatten die Briten als Entschädigung übernommen.

Den zweiten Krieg überlebte er, zu alt und zu krank für den Heldentod, daheim in Thüringen. Aber er hatte von seinen früheren Seereisen außer einigen exotischen Pfeifen aus Ton, Meerschaum und Tropenholz das Fernweh mitgebracht. In Bücherschränken, auf Regalen, in Vitrinen standen die Blickfänge meiner kindlichen und jugendlichen Sehnsüchte: hauchdünnes Porzellan aus Japan, Buddhafiguren aus Singapur, ein Ebenholztisch aus Indien. Ein ausgestopfter Kugelfisch und ein Haifischgebiss waren von Hand beschriftet: „Madras 1911”.

Mit diesen geheimnisvollen Utensilien bin ich aufgewachsen. Kaum dass ich lesen konnte, verschlang ich „Köhlers Deutschen Flottenkalender”, von 1906 bis 1913 jährlich erschienen, ich bestaunte die Panzerkreuzer, bedauerte, dass diese Riesenschiffe, auf deren Decks sich Matrosen reihten, befehligt von würdig dreinblickenden Backenbärten über Uniformbrüsten voller Orden, dass all diese Pracht und Herrlichkeit mit dem Kaiserreich untergegangen war. Die deutschen Ingenieure – waren ihre Schiffe, Zeppeline, Automobile nicht die besten? Hatten sie nicht immer wieder Land und Leute emporgebracht, ganz nach vorn? Nur im Krieg hatten sie kein Glück – das beschäftigte den kaum Zehnjährigen. Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich weder von der Mutter noch von der Großmutter; was letztlich entschieden hatte über Sieg oder Niederlage, blieb ein dunkles Geheimnis, blieb Pech, das an den Deutschen klebte, mit den Russen ins Land sickerte, die Thüringer Familie von den Verwandten im Westen isolierte und das Reden über Verlorenes, über Reisen, Freiheit und Fernweh in rigide politische Fesseln zwang.

Opa war längst tot und begraben, als ich lesen lernte, aber seine Tabakspfeifen waren übriggeblieben, ebenso wie die Zutaten: Tabaksbeutel, Tabaksdosen, Reinigungsgerät und ein bleiernes Gefäß mit bleiernem Deckel, um den Stoff zu pressen, aus dem der alte Mann die schönsten Kringel zauberte, wenn er eine der Pfeifen entzündete. Damit hatte er die Augen des Kindes zum Leuchten gebracht, als er es unterm Weihnachtsbaum auf dem Schoß hielt. Eigentlich nur ein einziges Mal, im Jahr vor seinem Tod und meinem dritten Geburtstag, 1953.

Dass einer sich an etwas erinnert, was vor dem dritten Geburtstag geschah, halten Entwicklungspsychologen für ausgeschlossen. Beschäftigten meine Phantasie also nur die herumliegenden Pfeifen und Utensilien, die Erzählungen und das sichtbare Beispiel meines Onkels, Karls Bruder, der ebenfalls rauchte, allerdings billige Zigarren? Deren abgeschnittene Enden hob er in einer Schachtel auf, um sie schließlich in der Pfeife zu rauchen. Ja, er war geizig, aber tolle Kringel produzieren konnte er auch.

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Brehms Tierleben

Titelbild von Brehms TierlebenEin Lieblingsbuch meiner Kindheit darf ich wieder in der Hand halten: Meine Großmutter las uns daraus vor, es begleitete uns auf Wanderungen durch Wald und Flur, wo wir manchen seiner Protagonisten begegneten, einige schlüpften als Findelkinder zeitweise bei uns unter – Eichhörnchen und Igel zum Beispiel – den Kindern zur Freude, den Familienhunden zum Ärger. Meine Mutter zeichnete und malte, was wir dabei und im heimatlichen Thüringer Wald erlebten.
Unsere Originalbände von „Brehms Tierleben“ haben die Wechselfälle des Lebens nicht überstanden, unser Vergnügen an der Naturbeobachtung und am Umgang mit Tieren, das sie vor über 60 Jahren prägten, blieb. Texte und Illustrationen lesen und betrachten – das ist wie ein Wiedersehen mit sehr vertrauten Freunden nach langer Zeit. Zugleich erfreut es, weil Bildungsgänge ihren Wert beweisen, die seit 200 Jahren enzyklopädisches Wissen allen Schichten der Bevölkerung zugänglich machten.

Ein Blick auf die Editionsgeschichte zeigt, welchen Rang Brehms Arbeit beanspruchen darf, inzwischen gibt es sie auch in digitalisierter Form. Dem Dudenverlag ist die vorliegende Neuausgabe von Teilen des Gesamtwerkes zu verdanken; sie enthält Tiere, die wir heute noch in freier Wildbahn oder Naturparks antreffen. Einband und Druck insbesondere der Graphiken machen das Buch zum willkommenen Geschenk.

Das 19. Jahrhundert war eines der Forschungsreisenden, der Lexika und Enzyklopädien. Mit Alfred Brehm und Hermann Julius Meyer, dem Sohn des berühmten „Lexicon-Meyer“, fanden sich zwei Große dieser Blütezeit. 1863 erschienen in dessen „Bibliographischem Institut“ die ersten sechs Bände des „Illustrierten Thierlebens“ mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Robert Kretschmer, in der zweiten Auflage ab 1876 unter dem heute geläufigen Namen „Brems Tierleben“ kamen farbige Illustrationen von Gustav Mützel und Eduard Oscar Schmidt hinzu, deren Qualität Charles Darwin mit dem Lob bedachte, sie seien die besten, die er je in einem Werk gesehen habe.

Karsten Brensing hat eine kluge, gut lesbare Einführung geschrieben, die Brehms Leben und Walten – etwa als Zoodirektor in Hamburg und Berlin – mit der Entwicklung seiner Wissenschaft bis in die moderne Verhaltenspsychologie verknüpft. „…tatsächlich sind wir kaum weitergekommen“, schreibt er, „Brehm hat durch seine Herangehensweise, sich in Tiere hineinzuversetzen und sie zu vermenschlichen, viele Dinge bereits erkannt und aufgeschrieben, die die moderne Naturwissenschaft erst nach viel Zögern als bewiesen akzeptiert hat.“

Sowohl die Entwicklung der Arten wie die des Individuums lassen erkennen, dass tierisches und menschliches Verhalten eng verbunden sind. Wir leben und lernen voneinander und miteinander. Kaum ein anderes Forschungsfeld ist reicher, als die Untersuchung der dabei wirkenden genetischen, sozialen und psychischen Faktoren. Zum Vergnügen an Brehms Sprache und Erzählkunst gesellt sich also die Neugier, der Wissenschaft von heute bei der Arbeit zuzusehen. Wer ein Übriges tun will, besuche die Gedenkstätte in Renthendorf. Sie wurde 2012 bis 2018 generalsaniert. Jochen Süß beschreibt in einem kurzen Nachwort, wie dort auch das kostbare Erbe von Brehms Vater Christian Ludwig, eines emsigen Vogelkundlers, bewahrt wird.

Alfred Brehm, Karsten Brensing „Brehms Tierleben“, Dudenverlag, 240 Seiten

ISBN: 978-3-411-71782-8, 20 €