Unsterblicher Kitsch?

Grau_KitschDen Begriff “Kitsch” gibt es wahrscheinlich erst seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, unsicher ist, ob er Lehnwort aus der Sprache der Roma, sicher, dass er als Lehnwort aus dem Deutschen ins Englische, Französische, Türkische, Griechische übernommen wurde. Der Artikel in der “Wikipedia” bietet Beispiele und Indizien, aber Kitsch präzise zu definieren gelang ebenso wenig, wie Dinge aus der Welt zu schaffen, die ihm zugerechnet werden. Alexander Grau, promovierter Philosoph und freier Publizist, widmet dem Phänomen – insbesondere seiner politischen und speziell der deutschen Spielart – einen Essay, den ich mit Vergnügen gelesen habe und weiterempfehle.

Ohne den kenntnisreichen und klug argumentierenden Text verkürzen zu können, drängten sich zwei Gedanken vor: Kitsch ist keineswegs harmlos, und es wird ihn geben, solange Menschen Dominanz- und Herdenimpulsen folgen, also auch noch dann, wenn Außerirdische auf die Überreste unserer Zivilisation stoßen. Vielleicht können sie klären, ob und inwieweit politischer Kitsch für deren Untergang ursächlich war.

Alexander Graus geistesgeschichtlichen Überlegungen zufolge gab es Kitsch schon in sehr frühen Kulturen, er hängt eng mit Religionen zusammen. Das ist nicht verwunderlich, denn in Auseinandersetzungen um die Macht gab und gibt es immer eine materielle und eine informelle Dimension; Kitsch hat einige Qualitäten, die ihn zum kommunikativen Kitt in Kollektiven prädestinieren. Wem es gelingt, einen Kultgegenstand, ein Ritual, eine Person, ein Ereignis im allgemeinen Bewusstsein zu überhöhen, als mehr erscheinen zu lassen, als es wirklich ist, also sich und anderen eine sinngebende, kollektive Bedeutsamkeit vorzutäuschen, wem das gelingt, der erlangt damit informelle Macht. Hat er Erfolg, kann er genügend Anhänger emotional an den (Kitsch-)Kult binden, wird er seine Deutungshoheit befestigen. Auch wenn die harte Realität ihn einmal widerlegt, muss das nicht Konsens und Konformität zerstören; es bedarf dazu katastrophalen Scheiterns, selbst das überlebt der Kitsch meist.

Das liegt zweifellos am Bedürfnis des Einzelnen, sich im Kollektiv geborgen zu fühlen: Die Familie, die Herde, die Organisation versprechen Schutz, Zusammenhalt, Teilhabe auch an materieller Macht – um den Preis konformen Verhaltens und Denkens. Alexander Grau sieht im Kitsch ein hochinfektiöses Pathogen, „insbesondere in Zeiten starker Veränderungen und Verunsicherung, wenn die Menschen anfällig sind für alles, was Geborgenheit verspricht, Nestwärme und Sicherheit.“

Von der säkularen Ausprägung des Politkitschs nach der Französischen Revolution, von seinen ebenso pompösen wie lächerlichen Wandlungen im 19. Jahrhundert, kommt der Autor zu den totalitären Systemen des Faschismus und Kommunismus; in beiden wird der Kitsch allgegenwärtig, sakrosankt – und wer kritische Fragen stellt, wird zum Feind, den es zu isolieren, zu bestrafen, zu vernichten gilt. Er zitiert Milan Kundera: „Unter diesem Gesichtspunkt kann man den sogenanten Gulag als Klärgrube betrachten, in die der totalitäre Kitsch seinen Abfall wirft.“

Sowohl der faschistische wie der antifaschistische und kommunistische Kitsch haben die Zusammenbrüche der jeweiligen Systeme trotz Millionen Menschenopfern gut überstanden, sie leben mit ihren Phrasen, Parolen, Symbolen, Ritualen in Erlösungsgeschichten für die jeweilige Gefolgschaft fort. Alexander Grau nennt ihn an der Realität gescheitert, nicht ohne im „absoluten Kitsch“, im „Traum von der totalen Versöhnung der Welt“, wiedergeboren zu werden – als der „Leitideologie spätbürgerlicher Gesellschaften“.

Das letzte Kapitel widmet er der „deutschen Spezialität“, und es ist amüsant, wie der auf Rationalität bedachte und der Gefühligkeit abholde Autor seinem Abscheu darüber Luft macht. Ich verstehe ihn gut. Insbesondere der „absolute Kitsch“ ist in seinen politischen, medialen, ästhetischen Auftritten schwer erträglich – aber noch gefährdet es nicht das Leben des Einzelnen, sich ihm mit Mut zu selbständigem Denken, scharfen Argumenten, beißendem Witz zu widersetzen. Nicht wenige wagen es. Das ist in China, in Russland, im Herrschaftsbereich von Gottesstaaten und sonstigen Diktaturen anders. Dort blüht der Kitsch, Gegenwehr kann tödlich sein. Er blüht auch in supranationalen Politbürokratien wie UN und EU. Ein verfasster politischer Wille, ihm den Garaus zu machen, ist schlechterdings nicht vorstellbar, zumal in den Subkulturen des Internets der Nachwuchs üppig gedeiht.

„Il faut cultiver notre jardin“, lässt Voltaire, der Aufklärer, am Schluss des Romans „Candide“ den gescheiterten Philosophen Pangloss sagen. Kitschfreie Bündnisse der Vernunft zwischen Naturwissenschaftlern, Künstlern, sogar manchen Politikern und Leuten, die „Was mit Medien“ machen, sind dabei immerhin noch möglich. In der „Blogosphäre“ zum Beispiel.

Alexander Grau „Politischer Kitsch“, Claudius Verlag, gebundene Ausgabe 128 Seiten, 14 €

Uhren, Fristen und die Unbeherrschbarkeit der Zukunft

Atelier in Suhl, Herrenstraße 26, 1956

Im Atelier meiner Mutter übten wir Kinder uns im Modellieren

Der Umgang mit Kindern belehrt schnell über den unerschöpflichen Einfallsreichtum, mit dem kleine Menschen ihre Interessen durchsetzen. Geschickte Eltern antworten ihrerseits mit immer neuen und flexiblen Manövern. In glücklichen Verhältnissen laufen sie darauf hinaus, die Absichten des Kindes nicht nur brachial („dominant“) zu vereiteln, sondern seine Aufmerksamkeit auf andere Ziele zu lenken. Dabei lernen beide Seiten. Sie lernen, ohne je dauerhaft funktionierenden Pat(end)lösungen zu finden, sie handeln und feilschen mit immer anderen Methoden um den aktuellen Kompromiss. Gewisse Regeln und Rituale werden, so lange sie für beide Seiten zweckmäßig sind, respektiert und eingehalten – bis zumeist das Kind sie bricht. Eltern erleben das schwache, unterlegene Kind als Despoten. Paradox?

Hier zeigt sich der blinde Fleck des Dominanzprinzips: Schon bevor sie ein Verhältnis gesetzt hat, ist Dominanz von diesem Verhältnis abhängig. Sie kann nur bestehen, wenn sie sich zugleich auf den Erhalt des Verhältnisses verpflichtet – sich also zum Diener macht. Um es auf ein anderes beliebtes Paradox zu bringen: „Beherrsche mich!!!“ sagt der Masochist zur Domina.

Wir können das Paradox auflösen. Dazu müssen wir nur eines tun: wir müssen akzeptieren, dass es Erde, Sonne und Menschen nur gemeinsam und als Teil des Universums gibt und dass die Zeit nicht nach unseren Uhren läuft. Was vergangen ist, ist nicht „objektiv reale Vergangenheit“ und die Zukunft ist alles andere als unbestimmt.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie blicken vom Moment ihres Todes aus zurück. Sehen Sie die Zeit nicht unabhängig mit dem Ticktack der Uhren ablaufen, sondern als verfügbare Zeit, deren Maß ausschließlich Ihre Interaktionen mit der Umgebung sind. Es ist schwer, sich vom Diktat der mechanischen Zerhacker freizumachen, nicht wahr? Dabei ist dieses Instrument erst seit etwa 200 Jahren jedermann an jedem Ort verfügbar; noch Ende des 18. Jahrhunderts machte sich der längst vergessene preußische Schriftsteller Theodor Gottlieb von Hippel in einem Theaterstück über den „Mann nach der Uhr“ lustig. Heute sind wir alle „Menschen nach der Uhr“, abhängig bis zur besinnungslosen Hatz nach Terminen. „Zeiteinteilung“ meint fast immer ein mechanisches Raster, das zu den Abläufen des Gestells kompatibel sein muss. Aber die verfügbare Zeit hat ein anderes Maß. Die Dauer eines Traumes, einer Geburt, eines Liebesaktes, eines schweren Konfliktes sind nicht mit der Stoppuhr zu messen. Denn wann genau wollten wir sie ein-, wann ausschalten? Wann beginnt der Traum vom Fliegen, wann endet er? Wenn Sie zurückblickend die Chance hätten, durch Streichen eines Ereignisses Zeit „zurückzugewinnen“ – wie wollten Sie das messen und berechnen? Dem mechanischen Verständnis fällt das scheinbar leicht:

Die betrunkene Silvesternacht von 1969 ab Schlag zwölf bis vier Uhr früh streiche ich. Ich wende mich nicht der aufreizend hübschen Babsy zu, sondern stoße mit meinen Kumpels an und gehe irgendwann sturzbetrunken aber solo ins Bett. Damit mache ich den Neujahrstag zum Ausnüchtern und die folgenden drei Monate für das Studium verfügbar, promoviere erfolgreich und sterbe in einem schönen Haus im Grünen, statt in einer Mansarde in Berlin-Schöneberg“.

Wieviel Zeit gewonnen, wieviel Zeit verloren? Wenn der Tod im Reihenhaus durch Herzinfarkt und zwanzig Jahre vor dem in der Mansarde eintritt? Wenn aber andererseits dem Doktor die Zeit erfüllt war mit Glück im Beruf und in der Familie und ihm „im Fluge“ verging, während sich der Glücksritter der Jugendjahre als alter Single dahingrämte?

Standuhr aus der Zeit Hippels - ca. 1780

Diese antike Standuhr schlug mindestens fünf Generationen bis in meine Kindheit die Stunden

Zeit ist keineswegs gleich Zeit, wie uns die Zerhacker glauben machen wollen. Vor allem aber: wir können uns „zurückblickend“ der „Vergangenheit“ nicht nähern, wir entfernen uns definitiv von ihr immer weiter. Indem wir unsere Gedanken wandern lassen, verbrauchen wir neue Zeit – die wir im Moment des Todes gar nicht mehr hätten. Sie werden mir nachsehen, dass ich Sie erst jetzt über dieses Paradox stolpern lasse – falls Sie mir nicht längst auf die Schliche gekommen sind, weil Sie das erste Kapitel von „Der menschliche Kosmos“ oder „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird“ aufmerksam gelesen haben. Dann wundern Sie sich auch nicht, dass „Erinnern“ nicht wie ein rückwärts abgespulter Film, sondern vorwärts läuft – und von dem Zeitpunkt an, in dem Sie zurückblicken, verbrauchen Sie Lebenszeit dafür, alles auf den Anfang der Erinnerung Folgende zu modellieren.

Zeit gibt es nur in Verbindung mit Interaktion. Mit Vergangenem können wir nicht interagieren, wohl aber mit „trägen Resten“ der Vergangenheit. Wir sind umgeben von Systemen, die träger interagieren als wir; sie nennen wir „dauerhaft“ und suchen an ihnen die Merkmale „vergangener“ Interaktionen. Beispiele dafür sind Gesteinsschichten, Bohrkerne aus dem Gletschereis oder die Jahresringe von Bäumen. Was wir „Geschichte“ nennen, ist eine spezielle Form zu konstruieren ­­– also wiederum Interaktion mit Daten, Gegenständen, Aussagen – mit dem Ergebnis, Modelle zu haben und zu erzählen. Sie sollen möglichst plausibel sein und uns Muster erkennen lassen. Mustererkennung aber ist eine elementare Funktion unseres Gehirns, die im Wesentlichen unbewusst abläuft. Auch beim Simulieren, beim Machen und Erzählen von Geschichte spielen Wünsche und Ängste – und damit Strategien des Vermeidens und Erlangens – mit, die der Kontrolle unseres Bewusstseins entgehen.

Wir geraten an den vertrackten Umstand, dass „Geschichte“ häufig eine Simulation vermeintlich historischen Geschehens in Gang setzt, deren Muster von vornherein den erwünschten Ergebnissen entsprechen. Die „Lehren der Geschichte“ bestätigen unsere vorgefassten Meinungen.

Indessen hat jedes dynamische System eine gemäße Zeit für seine inneren und äußeren Verhältnisse; unser mechanisches Raster schafft bestenfalls eine Relation zwischen unseren Nutzanwendungen und den gemessenen Systemen. Noch immer werden Äpfel eben zu ihrer Zeit reif und nicht wenn es der Konservenfabrik passt. Und die Zeit eines Menschen hat eine Relation zu kosmischen Dimensionen und zu den Dimensionen der Elementarteilchen, die wir uns kaum vorstellen, geschweige beherrschen können. Dennoch träumen Menschen angesichts sterbender Sonnen von der „Unsterblichkeit“ und ziehen an allen Hebeln der Dominanz, sie zu erreichen. Sie akzeptieren gerade eben, dass die Vergangenheit eine Struktur hat, die sie nicht ändern können; dass auch die Zukunft unbeherrschbar strukturiert ist, wollen sie nicht hinnehmen. Planung soll das Dominanzprinzip perpetuieren.

Noahs Einzug in die Arche von Hans Jordaens

Überleben durch Anpassung – die Arche Noah auf einem Gemälde von Jordaens

Aber Zukunft ist kein leerer Zeit-Raum, in den sich hineinhantieren lässt. Die Plätze sind besetzt: von Erdbeben, Klimaveränderungen, kosmischen Katastrophen. Vor allem aber von nie gleichzeitig beherrschbaren Zielen und ihrer Antizipation, von den Kraftfeldern mit den wesentlichen Mustern der menschlichen Existenz, von den gleichzeitig wirkenden, die ganze Geschichte der Menschheit wie des einzelnen bewegenden Strategien. Dabei zeigt sich: Gefährlicher für die Menschheit als Killerviren, Klimakatastrophen oder Energiemangel sind unangepasste Strategien. Und natürlich die zugehörigen Rituale und Verhaltensmuster. Menschen sind nicht besser als Igel, nur anders. Sie rollen sich nicht vor Vierzigtonnern zusammen, sie halten sie am Laufen. Sie können sich allerdings auch fragen, ob sie wirklich den Online-Einkauf als Pat(end)lösung wollen.

Das Beispiel der „BSE- Seuche“ reiht sich würdig in die schier endlose Folge besinnungslos bis zur Katastrophe durchgehaltener Verhaltensweisen: „möglichst viel möglichst billig“ – das war und ist Ziel der Fleischverbraucher, der Viehzüchter, der Futterhersteller. Tierkadaver, Abwässer samt Fäkalien: Egal womit Tiere gefüttert wurden, Hauptsache der Gewinn war möglichst groß. Alle drehten an der Schraube, die Profit aus geschundenen Tieren herausquetschen sollte. Dann tauchten auch im „Musterland“ infizierte Tiere auf und alsbald begann die Hatz auf Sündenböcke. Am Ende war es der Staat, der „Verbraucher nicht genug geschützt“ haben soll. Vor wem, wenn nicht vor sich selbst und ihrer Geiz-ist-geil-Strategie? Vor wem, wenn nicht vor der eigenen Habgier? Nein, habgierig, neidisch, verantwortungslos sind ja immer nur die anderen. Wenn „Klimaaktivisten“ nach ihren Demos und Kundgebungen zur Rettung der Welt Müllberge hinterlassen, zeigt sich dieser unausrottbare menschliche Wahrnehmungsfehler ebenso – und die ihm eigene Doppelmoral.

Mit derartigen Beispielen lassen sich Bibliotheken füllen. Und es ließe sich vor allem eines verdeutlichen:

Mit äußeren, geschriebenen Regeln, Gesetzen und Verordnungen, mit Kontrollen und Strafen ist den tödlichen Strategien nicht beizukommen. Jede Regel, jedes Gesetz, jede Verordnung gebiert, sobald nur kundgetan, eine Vielzahl von Schlupflöchern, Methoden, sie zu umgehen oder zu unterlaufen, immer neue Ausweichmanöver und nötigenfalls kriminelle Abwehr. Wer imstande ist, tödliche Strategien zu erkennen, tut gut daran, sein eigenes Verhalten zu prüfen und zu verändern: Durch neue oder geänderte Routinen und Rituale. Es genügt nicht, zu wissen. Nur Menschen, die in eigener Verantwortung handeln, die sich Konflikten stellen, sie durchstehen, dabei auch unbewusst ablaufende Interaktionen begreifen und zulassen – und zwar auf eigene Rechnung, ohne kollektive, korporative Rückendeckung – schaffen ein schöpferisches Wechselspiel aus Versuch und Irrtum, Lernen und Gestalten. Wie bei Eltern und Kindern – wenn sie Glück haben.

 

Unterwerfung

Wer seine Aufmerksamkeit von den Szenarien der „Klimarettung“ löst und sich mit realen Gefahren dieser Welt befasst, stößt auf beunruhigende ungelöste – womöglich unlösbare? – Konflikte. Ein zusätzlicher Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass sie fast jederzeit in Kriege übergehen können, deren Verlauf und Ende Klimaszenarien erledigt. Was sagt die Erfahrung?

Die Eiapopeia- und Grusel-„Narrative“ allgegenwärtiger Quotenmaschinen lügen darüber hinweg. Sie vertrauen auf das Gewohnheitstier im Menschen, sie beschäftigen es mit Krimi, Sport und Talkshows rund um die Uhr, sie „framen“ Informationen passend zu ihrer selbstgewissen „Haltung“ und rechnen sich diese Form verblödenden sozialen „Hausfriedens“ als moralisches Verdienst an, für den jeder zahlungspflichtig ist.

Das funktioniert, weil kaum irgendwer sich nach Konflikten sehnt, fast alle sich aber gern im Fernsehen, Kino, im Buch oder Videospiel mitleidend den Verfolgten als Hüter der Gerechtigkeit gesellen, schadenfroh das Böse unterliegen sehen. Für die meisten sind Krieg, Spucken und Schläge ins Gesicht, Vergewaltigung, Raub, Einbruch in die eigene Wohnung fern ihres realen Erlebens. Sie arbeiten sich daran emotional in virtuellen Räumen lesend, zuschauend oder -hörend, Killer-spielend oder in den Scharmützeln der Social Media ab: Sie haben das alles jederzeit unter Kontrolle, so genießen sie den Kitzel der Angstlust. Falls sie bei facebook oder twitter unter verbalen Beschuss geraten, gar in einen „Shitstorm“, erwacht jäh der Wunsch, diesen Gegner auch unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Organisationen, die ihnen beizustehen versprechen, natürlich bieten sich – fürsorglich – der Staat und die Quotenmaschinen an.

Inzwischen dringen allerdings die weltweit brennenden Konflikte ins reale Leben ein. Das Vertrauen der Vielen in eine staatliche Ordnung, die sich das Gewaltmonopol vorbehält, wird erschüttert, wenn sie außerstande ist, es durchzusetzen. Polizisten sind längst permanent ebenso überfordert wie Staatsanwälte und Gerichte. Derweil blüht das Geschäft von Anwälten, die soziale Benachteiligung, kulturellen (religiösen) Hintergrund, persönliche Traumatisierung ihrer kriminellen Klientel wortreich zu deren Verteidigung ins Feld führen. Der Rechtsstaat kapituliert in immer mehr Fällen vor der schieren Masse notwendiger gerichtsfester Ermittlungen.

Es gibt ihn ohnehin nur noch auf dem Papier, weil mindestens ein großer Teil der Justiz nicht mehr unabhängig, sondern in ideologischen Zwangsjacken herrschender Parteien operiert. Diese Parteien aber sind nicht auf das Gemeinwohl fixiert (sofern sie es je waren), sondern auf ihre Machtimpulse. Nur die Konkurrenz mit anderen Parteien zwänge sie, über Grundwerte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit oder die der Berufsausübung und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst nachzudenken. Nur Konkurrenz zwänge sie, Freiräume und Widerstände zuzulassen. Ist eine solche Konkurrenz erkennbar? In meinen Augen nicht.

Im Einparteiensystem der DDR waren Alternativen eliminiert, die „GroKo“ lässt, anhand der Aktivitäten zur Zensur im Internet und zur Ermächtigung nichtstaatlicher Korporationen erkennen, wohin sie steuert. Der BND, der Verfassungsschutz mögen demokratischer Kontrolle unterliegen – eine wachsende Zahl von mit Steuern finanzierten und von Parteien oder NGO gesteuerten politischen Korporationen sind längst unkontrollierbar. Und sie zeigen erstaunlichen Ehrgeiz, unliebsame Meinungen im bislang unkontrollierten Internet zu unterdrücken. Sie wollen eine außerstaatliche Zensur, sie wollen unangreifbar werden wie Öffentlich-Rechtliche Anstalten, deren Quotenfixierung, Versorgungsmonopol und Finanzgebaren seit langem ihren grundgesetzlichen Auftrag zur Farce werden lässt.

Sie alle haben ihre Wirklichkeiten: Die Parteiführer, die Medienchefs, die Mitläufer, die wütenden Gegenspieler von der linken, rechten, feministischen, Gender-, Islam-, Irgendwiefundi-, Veganerfront. In diesen Wirklichkeiten werden genau jene realen Konfliktfelder ausgeblendet, für die sie keine Konzepte und Strategien haben. Die Realität aber hat eine unendlich scharfe, harte und unausweichliche Kante. Sie scheidet Wollen von Erfahrung, Wahnideen von Wissen.

50 Jahre (und drei Romane) danach

Die Hügel gegenüber im Abendlicht

Mein Himmel: Blick – nicht vom Turm, nur vom Balkon

Gestern Abend wurde es laut in den Hügeln gegenüber. Obwohl ein Kilometer Luftlinie mich von der Gartenparty trennte, konnte ich Gesang und Gelächter hören, Ausrufe jugendlicher Stimmen, männlicher und weiblicher, die große Lust an unflätigen Worten bezeugten und an der Freiheit, nach Herzenslust zu pöbeln. Aus Spaß natürlich. Sehr wahrscheinlich war es eine Abifeier, eine private, sie dauerte bis nach Mitternacht, vielleicht wurde es dann den Nachbarn zu viel.

Genau so war es bei uns vor 50 Jahren. Wir feierten orgiastisch den Abschied von der Schule. Nur raus – egal wohin, da vorne wartete etwas Neues, Unbekanntes, jedenfalls kein von Lehrern dominiertes Klassenzimmer. Nach zwölf Jahren Notendruck, Berieselung mit öden Pflichtfächern, eingeschränkten Wünschen, quälenden Praktika ließen wir es krachen – und wussten kaum, wie viel von unserem gewachsenen Selbstbewusstsein wir unseren Lehrern zu verdanken hatten. Einige jüngere boten uns das Du an – uns zur Freude.

Dieser Gedenkstein  wurde Stasi-aktenkundig

Vier – keineswegs verlorene – Jahre

Auf dem Schulhof setzten wir uns einen Gedenkstein mit der Inschrift “B I B II BR” für die drei Züge des Jahrgangs mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung, die “R” bekam seit der dritten Klasse erweiterten Russischunterricht. Damit uns die Lehrer nicht vergäßen, verfassten wir eine Abizeitung voller deftiger Satiren und Anekdoten aus dem Schulalltag. Ein Mitschüler schaffte es, das Blättchen mit dem Titel „Der Mülldeckel“ sogar – halb illegal – zu vervielfältigen. “Ormig” (DDR-Begriff für Matrizendrucker) hieß die längst vergessene Technik: Papier wurde dabei mit blassblauen Texten und Karikaturen bedruckt, es duftete nach dem Lösungsmittel Spiritus. Die Sensation: Drei Schnappschüsse aus dem “Staatsbügerkunde”-Unterricht des Direktors persönlich prangten als Serie auf zwei Seiten. Untertitel: “Er kam – sah – und schlief”.

Das war vermutlich, was man heute ein Fake nennen würde: auf dem dritten Foto, das erst beim Umblättern sichtbar wurde, hätte der Mann auch ins Zuhören versunken sein können. Sicher bin ich bis heute nicht; sowohl der Knipser als auch der Direktor haben das irdische Dasein hinter sich gelassen, ohne uns aufzuklären. Der Porträtierte drohte mir bei einer späteren Begegnung mit Rechtsfolgen. Dass er es beim Drohen beließ, lag aber nicht an seiner Furcht, sich vor Gericht womöglich zu blamieren.* Stattdessen brachten Zeitung und Gedenkstein die Schulleitung in eine üble Lage.

Der Stein stammte von jenem Turm, den mein Ur-Urgroßvater 1850 auf dem Hofleite-Hügel 50 m vorm Gipfel hatte erbauen lassen. Das ist zwar eine andere Geschichte, aber wer mag, kann einiges dazu im „Blick vom Turm“ erfahren. Wichtiger ist ein anderes Gebäude ganz oben: 1969 wehrte dort die Bezirksbehörde der Staatssicherheit Bedrohungen des Sozialismus durch jede Art feindlicher Subversion ab. Ihre wachsamen Helfer saßen in Klassen- und Lehrerzimmern ebenso wie an Fließbändern und in den Werkstätten der Betriebe, in denen wir Abiturienten zusätzlich einen Facharbeiterbrief erwerben – und den Kontakt zur Arbeiterklasse schätzen lernen sollten. Deren „führende Rolle, mit der SED und deren Erstem Sekretär, dem Genossen Walter Ulbricht an der Spitze“ war ein Mantra der Staatsbürgerkunde, es gab große Pläne für den Sieg des Sozialismus, und es brauchte immer mehr Bewacher, sie gegen defätistische Witze und Hetze aus westlich-reaktionären Quellen zu schützen.

*) Heute hätte er dank DSGVO beste Aussichten, den Schulbuben noch im Nachhinein juristisch eins überzubraten. Wegen der DSGVO erscheinen im Artikel übrigens auch keine Fotos meiner Mitschüler etc.

(Wird fortgesetzt) 

Heilsgeschichte

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Nein – ich bilde es mir nicht ein! Die Verblödung ist unaufhaltsam. Sie muss es sein, weil sonst die Heilsgeschichte nicht vorankäme.

Mich erfasst in letzter Zeit besonders dann eine gewisse Ungeduld über den Fortgang der Heilsgeschichte, wenn ich höre, wie sich Menschen über ihre traurigen Lebensumstände empören, denen es keinen Funken der Irritation wert ist, wenn sie ihre Toiletten mit Trinkwasser spülen.

Aha, werden sie jetzt sagen, wieder einer von diesen links gestrickten grün-ökologischen Weltverbesserern, die uns den hart erarbeiteten Wohlstand nicht gönnen. Sie irren sich. Grüne Weltverbesserer sind mir gerade so lieb wie rotbraune. Der Ausruf „An die Laterne!“ ginge mir leicht von den Lippen, wenn ich den Mullahs dieser wie jeder anderen die Herrschaft über die Welt beanspruchenden Religion damit nur beikäme. Das aber ist so unmöglich, wie Kinder zu erziehen. Sie werden jedenfalls wie ihre Eltern. Meinte jedenfalls der weise Narr Karl Valentin.

Es gibt schlechterdings keinen „evolutionären Fortschritt“ im menschlichen Verhalten. Es gibt nur immer mehr Menschen. Meines Wissens hat noch niemand eine seriöse wissenschaftliche Studie darüber abgeliefert, ob im Zuge der explodierenden Bevölkerungszunahme seit 200 Jahren mehr Steinzeitverhalten oder mehr Aufklärung in die Welt gekommen ist. Meine Erfahrung sagt mir, dass die Anteile steinzeitlicher, feudaler, frühkapitalistischer, totalitärer Verhältnisse zum historischen Menschheitsganzen genau dem gegenwärtigen Anteil entsprechen. Um es einfacher zu formulieren: Es gärt nach wie vor überall, nur auf engerem (globalem) Raum und mit weniger Fluchtmöglichkeiten, und das bedeutet: das Ende – also die Apokalypse – ist genau so nahe wie die Erlösung.

Gott sei Dank.

Wilhelm Buschs Zeichnung vom asketischen Eremiten Antonius

Wilhelm Busch: Der Hl. Antonius, moosbewachsen, in Askese versunken und der Welt entronnen

Falls Sie mit dieser Erkenntnis nichts anfangen können: Arbeiten Sie weiter an der Verbesserung der Welt, rauchen Sie nicht, trinken Sie nicht, essen sie kein Fleisch, sparen Sie keine Steuern, quälen Sie keine Tiere – vom Umbringen zu schweigen – und besuchen Sie keine Freudenhäuser. Für die Feministen: Reisen sie nicht in mit einer Mischung aus Steinzeit, Gottesstaat, Kommunismus und Frühkapitalismus gesegnete Regionen, um ihr Urlaubsgeld für einen Fick mit einem attraktiven Nichtfeministen auszugeben. Bleiben Sie politisch korrekt!

Und jetzt kommt’s: Ich habe mich lebenslang Frauen gegenüber so gut wie nie politisch korrekt verhalten. Ob sie mich mochten oder nicht, war auch so gut wie nie eine Frage der politischen Korrektheit. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander, und ich habe – mutwillig, unbedacht oder sogar in vollem Bewusstsein Regeln aller Art missachtet. Wer auch immer diese Regeln aufstellte, tat es – in seiner Lesart – zum Zwecke der Weltverbesserung; der Fortschritt der Menschheit verdankt sich indessen den Regelverstößen mindestens ebenso sehr wie ihrer Einhaltung. Auf einen wissenschaftlichen Beweis der Anteile dürfen wir getrost bis zum Jüngsten Tag warten.

Das Altern geht mit der vergnüglichen Gewissheit einher, dass einer nie mehr politische Korrektheit zum Teil eines Balzspiels machen muss. Wozu also sollte er überhaupt noch politisch korrekt sein?

Vielleicht, damit ein Staatswesen ihm nicht die Rente streicht – sofern es ihn nicht gleich ins Lager oder in die Psychiatrie verfrachtet.

Bei beidem handelt es sich um „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“.

Menschenwerk

Liebespaar im Kornfeld

Illustration meiner Mutter zu Erich Kästner „Der Juli“

Die Instrumente menschlichen Handelns ändern sich, nicht aber die Handlungsimpulse. Egal, wie sich Liebespaare finden – über Dienste im Internet, auf Parties, in der Disco oder im Flüchtlingslager: Ihr Ziel ist dasselbe. Und wann, wo, wie, für welchen Zeitraum sie es erreichen: Das ist der Stoff für Träume, Dramen, Opern, Lieder, Gemälde, Romane, Gedichte – so wie in Erich Kästners Versen über den Sommermonat und das „zerzauste Pärchen“, verborgen im Korn auf zerdrücktem Mohn:

„Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluss des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.“

Die stärksten Impulse lassen sich kaum steuern. Das ist der Stoff für Konflikte. Eltern, Lehrer, Tugendwächter, Politiker stehen ihnen immer wieder hilflos gegenüber. Auch wenn sie sich fortwährend neuer, besserer Werkzeuge der Manipulation versichern – Menschen verhalten sich nur zeitweise nach ihren Wünschen. Dann zwingt der blinde Fleck aller Dominanten, ihre  Selbstwahrnehmung, sie zum rücksichtslosen Einsatz ihrer Machtinstrumente. Angela Merkel ist zum schlagenden Beispiel geworden. Sie stellte sich gewiss nicht selbst in jene Phalanx der von Troja bis Vietnam katastrophal Scheiternden, die Barbara Tuchman in „Die Torheit der Regierenden“ beschrieben hat. Ihr Platz darin ist ihr gleichwohl so sicher wie ihr Beharren auf „Alternativlosigkeit“. Sie ist Täterin und Opfer machtbesessener, größenwahnsinniger Politbürokratie. Sie wuchs hinein, sie verlor die Fähigkeit, Folgen ihres Handelns selbstkritisch zu befragen.

Ihr Denkmal steht freilich wie die von Marx, Lenin, Stalin, Mao Zedong auf einem ziemlich gehärteten historischen Sockel. Massen von Mitläufern mauern ihn allzeit auf, solange ihr Eigennutz solche Bauwerke befestigt. Die Instrumente ändern sich, die Handlungsimpulse nicht. Männer und Frauen sind verschieden? Ja – aber genau darin sind sie gleich: In dem Erhalt der Impulse. So passen sie perfekt nicht zueinander.

Wenden wir den Blick ab, geneigter Leser. Wem das Glück widerfährt, das zu verstehen, der kann in all dem unvermeidlichen Geschehen seinen Sinn für Schönheit entwickeln, und wenn er noch mehr Glück hat, erlebt er im Treiben lassen und gegen-den-Strom-Schwimmen ein erfülltes Da-Sein: Zwischen Mut, Angst, Hass und Liebe, Versagen und Gelingen. Das Tier im Menschen wird ihm vertraut. Die Furcht schwindet. Wenn am Ende die Kräfte nachlassen, wird er einsam, und das letzte Glück ist, dennoch geliebt zu werden. Dann nimmt der Schmerz ihn hin.

Es ist der Fluch des modernen Feminismus, dass er sich der Verschiedenheit von Männern und Frauen nicht vergewissern, sondern sie einebnen will. Aber Leben ist Konflikt. Wer den Endsieg zur moralischen Ultima Ratio erklärt, läuft in die Falle des tödlichen Totalitarismus – erkennbar am Elend der Grünen, des Genderismus und aller anderen -ismen. Sie müssen auf Konflikte mit Feindbildern und Krieg antworten. Die Herden der Mitläufer(-innen) sind schnell mobilisiert, denn auch deren Impuls zur Teilhabe an der Macht ändert sich nicht. Diese Herden wachsen – von Krieg zu Krieg – jedenfalls schneller nach, als alle Versuche, mit Konflikten anders umzugehen, als die Katastrophen seit je nahelegten. Deshalb ist die meistgebrauchte Strategie: Mehr desselben.

Immerhin: Die sich daran abarbeiten, sind noch nicht ausgestorben. Insofern darf einer den Glauben an eine Heilsgeschichte nicht aufgeben, auch wenn der Blick aufs politische Personal und seine Gefolgschaft noch so trostlos ist.

Europa der Völker oder der Bürokraten?

KershawAchterbahn2dDieses Buch ist ein Solitär in der Vermittlung jüngerer europäischer Geschichte. Am Ehesten würde man ihm gerecht, wenn man es zum Ausgangspunkt möglichst vieler Debatten zwischen Generationen, Nationalitäten, politischen Einstellungen machte – eine Hoffnung, die in scharfem Kontrast zum herrschenden Geist in der Politik, in den Medien und leider auch zur mangelnden Sorgfalt in der Gestaltung von Schulbüchern und Lehrplänen steht.

Den Titel hat Ian Kershaw trefflich gewählt. Sowohl was das schwindelerregende Auf und Ab, das Tempo und die Rasanz anlangt, mit der seit 1950 Geschichte „erfahren“ wird, als auch die rasch wechselnden Perspektiven und atemberaubenden Momente nahe am Absturz: Der Zeitgenosse bestätigt ihm, dass er ihn zu einer großartigen Reise einlud. Sie führte durch erschreckende und bezaubernde Landschaften, lenkte den Blick auf unbekannte Details, schärfte das Gefühl für abrupte Wendungen. Sie ist noch nicht zu Ende.

Die Bibliographie belegt ein veritables Gebirge an Informationen, das Ian Kershaw durchforscht hat, er hat dort hinein klug die Trasse seiner Achterbahn konstruiert, er baut Ausblicke auf Krisen und Umbrüche, Personen und Parteien, Ökonomie, Politik und Kultur, auf Nationen, Europa und die Welt ein und setzt sie zueinander in Beziehung. So wird etwa das Panorama des Kalten Krieges zugleich breit und tiefenscharf. Beim Betrachten desselben ebenso wie beim Passieren von Abgründen möglicher nuklearer Konflikte oder des hochbrandenden Jubels nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erlebte ich meine eigene Vergangenheit als sehr präsent – wie viel Glück ich hatte, dem DDR-Sozialismus zu entkommen! – und doch sehr, sehr fern. Das liegt wohl an der klaren, unverschnörkelten Sprache des Erzählers, sie ist frei von Effekten, aber keineswegs ermüdend. Dafür ist gewiss auch dem Übersetzer Klaus-Dieter Schmidt zu danken.

Freilich: Wer Höhen und Tiefen der Historie selbst “durchwandert” hat, schaut mit anderen Augen auf die Bilder dieser Berg- und Talfahrt als Jüngere. Ihnen mögen sie wie Kulissen erscheinen, die sich mit anderen Geschichtsbildern vergleichen lassen. Ian Kershaw verhehlt nicht, dass er seine Route durchs zurückliegende Jahrzehnt an offiziösen Sichtachsen ausrichtet. So erscheinen etwa Klimawandel und Energiepolitik in allzu bekanntem Ausschnitt. Der Sachverstand von Naturwissenschaftlern und Technikern (nicht einmal der des IPCC) blendet die Chancen der Nukleartechnik für eine gewünschte Begrenzung des Kohlendioxyds in der Atmosphäre längst nicht mehr aus. Kershaw verweilt dagegen beim populistischen Ruf nach “Atomausstieg” – wegen der in Tschernobyl und Fukushima offenbarten Gefahren dieser Technik. Aber wenn dieser Ruf auch ein langes Echo hat: Der vermeintliche Echofelsen ist aus Medienmaché.

Ian Kershaw ist klug genug, kritische Fragen an die Zukunft seiner britischen Heimat und der EU zu stellen, er ermahnt dringlich zu Reformen. Was er sich dabei vom Walten der Bundeskanzlerin Merkel und des Präsidenten Macron verspricht, blieb mir rätselhaft. Bisweilen verengt er die Perspektive, etwa wenn er zunehmenden Islamistischen Terror auf Kolonialismus und fraglos verderbliche Interventionen des Westens im Nahen Osten bzw. in Afrika sowie Benachteiligungen von Moslems in Europa zurückführt. Innersystemische Impulse religiös grundierten Machtwillens kommen kaum ins Blickfeld.

Zeit, einen Blick auf eine zweite Metapher des Autors zu werfen, den “Schraubstock”. Er verwendet sie für die totalitären Regimes des Ostblocks, sie ist einprägsam aber etwas simpel. Es drehten ja nicht nur ein Stalin, Breshnew, Honecker und ihre Gefolgschaft an der Schraube gesellschaftlicher Kontrolle. Da sind Hunderttausende von Rädchen und Hebeln im Gestell des Staates und der Medien, “An-Gestellte”, und was sie treibt, ist nicht nur Einkommen, sondern auch informelle Teilhabe an der Macht. Sie gehören dazu, und Konformität ist der Eintrittspreis.

Solche Organisationen, gern auch als Bürokratie bezeichnet, waren in der Geschichte erstaunlich resilient gegenüber Machtwechseln: Deutsche Beamte blieben nach Hitlers Ermächtigung ebenso in Lohn und Brot wie nach dessen Untergang. Jüngstes Beispiel sind fast problemlos vom IS übernommene Behörden in Teilen des Irak; Houellebecqs Roman “Soumission” (“Die Unterwerfung”) beschreibt den Übergang zur Herrschaft des Islam in Frankreich aus der Sicht eines Hochschul-Angestellten. Ian Kershaw beweist auf der Fahrt mit der Achterbahn auch seine Sachkenntnis in Kunst, Literatur, Musik. Erstaunlicherweise deutet er nur an, welche Fragen sich insbesondere für die Kultur stellen, wenn in der EU, aber auch den UN und zahllosen immer mächtigeren NGO eine supranationale Bürokratie heranwächst, deren Anspruch auf Konformität schon sichtbar, deren Kompetenz zur Lösung der entscheidenden Konflikte in der Welt aber genau deshalb durchaus zweifelhaft ist.

Am Anfang ihrer Amtszeit verkündete Angela Merkel, sie wolle der Bürokratie Schranken setzen. Inzwischen treffen planwirtschaftliche Ausflüge der Bundeskanzlerin – etwa in der Klima-, Energie- und Migrationspolitik – auf ein erstaunliches Einvernehmen bei fast allen Parteien. Auch die Medien gehen gern konform. Widerspruch gegen die uneinlösbaren Wechsel auf europäische, gar globale Lösungen wird gern mit politischem Extremismus in Verbindung gebracht: “Rechts” und “populistisch” sei das. Auch Kershaw zeigt mit dem Finger in diese Richtung. Dass aber in Polen, Ungarn, Österreich konservative Regierungen großen Rückhalt finden, eben weil Frau Merkel und die EU-Bürokratie versagen, klärt er gar nicht als systemischen Mangel auf. Kurz und Orban haben nicht seine Sympathien – anders als der “grüne” Österreichische Präsident Van der Bellen. Das ist schön subjektiv, schmälert nicht das Vergnügen und ist mir viel lieber als vorgebliche „Objektivität“.

Am Schluss der “Achterbahnfahrt” spricht Kershaw vor allem von der Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit und Unwägbarkeit aktueller Entwicklungen. Nein, eine EUdSSR wird es nicht geben, schon gar kein neues Nazireich. Aber bewegen wir uns nicht derzeit auf den Gleitkissen politischer Korruption weiter Richtung Konformismus? Viktor Frankl hat ihn als ebenso gefährlich für die Demokratie bezeichnet, wie den Totalitarismus, und mit dem Blick auf China, wo der Staat mit totaler Überwachung Konsens und Konformität der Meinungen durchsetzt, ist das beklemmend aktuell.

Unvermeidlich sind und bleiben Konflikte mit solchen Staaten, wenn individuelle Freiheit und Menschenrechte verteidigt werden sollen. Werden die westlichen Demokratien standhalten oder sich – wie auch immer ideologisch fundierten – kollektivistischen Diktaten unterwerfen? Sie haben – z.B. in den KSZE-Verhandlungen – Stärke bewiesen, als sie Menschen- und Bürgerrechte gegen den totalitären Konsens von der Überlegenheit sozialistischer Gesellschaften vertraglich durchsetzten. Vielen Europäern brachte das die Freiheit. Dass ein solcher Prozess in globalen Konflikten möglich wird, ist nicht mehr als eine Hoffnung. Sie zerbräche, wenn in den europäischen Staaten selbst Überwachung und Kontrolle durch bürokratische Apparate – seien es Behörden oder “outgesourcte” Zensur-, Spitzel- und Denunziations-Kollektive – die Freiheit der Bürger auf konforme Schienen zwänge.

 

Ian Kershaw Achterbahn

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Originaltitel: Roller-Coaster. Europe 1950-2017

Originalverlag: Allen Lane

Hardcover mit Schutzumschlag, 832 Seiten, 15,0 x 22,7 cm

mit Abbildungen

ISBN: 978-3-421-04734-2