Impulse und Macht

Teil 4 des Vorworts zu „Der menschliche Kosmos. Zurück zu Teil 3

Komplexe Impulssteuerung beim Schwimmen: nicht untergehen, Atem holen, vorankommen

Die Irritation beim Wechsel von der Frage „WARUM?“ zur Frage „WOZU?“ ist von derselben Art, wie sie ein Rechtshänder empfindet, der wegen einer Verletzung lernen muss, mit der linken Hand zu schreiben. Ebenso gut kann einer trainieren, bei der Einschätzung seines Umgangs mit Menschen und Umwelt eben nicht nur die – bewährte, aber begrenzte – Methode der Konstruktion von Ursachen und Vergangenheiten zu nutzen. Er wird Muster anders erkennen, wenn er fragt: „Was wollen die am Geschehen Beteiligten erlangen, was vermeiden?“, wenn er auf den Verlauf innerer und äußerer Energieflüsse, die Bewegungen dynamischer Systeme und Metasysteme blickt, und den Einfluss eigener Impulse zum Erlangen und Vermeiden mit erfasst.
Dieser Wechsel der Perspektive ist nicht neu. Wieso ihn nicht nur für den Bau von Lasern, Quantencomputern oder einzelne klinische Anwendungen der Psychologie vollziehen, sondern allgemein nutzbar machen? Nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern auch Psychologie und Philosophie profitieren davon. Seit einiger Zeit ist der Begriff der „Propriozeption“ im Gebrauch. Er bezeichnet die Eigenwahrnehmung des sich bewegenden Körpers, also die Wahrnehmung fortwährend und meist unbewusst ablaufender Impulse. Sie umfasst nicht nur motorische Bewegungen wie Laufen, Schwimmen, Springen, sondern auch die Lage unserer Organe im Raum, aber auch die Motorik der nonverbalen Kommunikation – also etwa das Lächeln, Hochziehen der Brauen, Redegesten, den Tränenfluss, Schreien und Lachen. Darauf werde ich später ausgiebig zurückkommen. Impulse haben stets ein Ziel. Folgerichtig wäre, dieses Geschehen für den ausschlaggebenden Komplex menschlicher Existenz anzuwenden: Impulsverläufe in Konflikten.

Gemetzel auf einer Grafik von Francesco Goya
Goyas „Desastros de la Guera“ illustrieren die Sprache der Gewalt

Damit sind wir wieder beim Phänomen der Gewalt. Das Ziel von Gewalt ist Destruktion. Sie erstrebt einen chaotischen – regellosen – Zustand, von dem aus eigene Interessen durchgesetzt, fremde Interessen ausgeschaltet oder stark abgeschwächt werden können. Sie nimmt schwere Störungen, ja sogar die Vernichtung des eigenen Systems in Kauf. Gewalt ist nur eine von vielen elementaren Strategien gegen innere oder äußere Störungen des dynamischen inneren bzw. äußeren Gleichgewichts. Auf menschliche Konflikte bezogen: ein Ziel wird erreicht oder ein Schaden vermieden durch destruktives Verhalten; das Risiko, dabei schwerere Verluste zu erleiden, gar zu sterben, wird ignoriert. Das kann spontan geschehen oder bewusst, und es wird umso wahrscheinlicher geschehen, je öfter sich die gewaltsame Strategie mit der Erfahrung eines Erfolges verbindet – egal ob es sich um einen vermeintlichen oder wirklichen Erfolg handelt. Was Sieg, was Niederlage ist – darüber entscheidet die subjektive Wahrnehmung. Strategiewechsel infolge von Niederlagen sind selten. Ich wage zu behaupten: sie sind niemals durchgreifend. Nachzuweisen, dass jemals irgendeine Strategie zwischen den Anfängen der Evolution und dem Anthropozän, zwischen Steinzeit und „Postmoderne“ ausgestorben wäre, bedürfte einer aufwendigen, höchst wahrscheinlich erfolglosen Suche. Sicher ist nur eines: Im „Ernst-“Fall, wenn der „Tunnelblick“ die Selbstwahrnehmung einschränkt, werden alle anderen möglichen Strategien ausgeblendet bis zum Amoklauf: der „Totale Krieg“ zerstört andere und sich selbst.

Brennender Reichstag 27./28. Februar 1933
Setzte am 27./28. Februar 1933 ein Einzelner den Reichstag in Brand? Warum? – oder besser: Wozu?

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da „aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden. Dann kann über die Ziele derjenigen nachgedacht werden, die „in der Vergangenheit” handelten, darüber wie sie ihre Ziele, wie sie Umstände ihres Handelns wahrnahmen, wie sie zu Entscheidungen kamen. Dieses Nachdenken offenbart eine Dynamik sich häufig wiederholender Muster. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer das fragt, solange Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann dank erkannter Muster künftige Konfliktverläufe abschätzen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf unabwendbare wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, so wenig sich „Tugenden” und „Laster” säuberlich scheiden lassen.

Titel zu "Masse und Macht" von Elias Canetti
Längst nicht ausgeschöpft: Der Gedankenreichtum von Elias Canetti

Hierzu sei beispielsweise auf Nietzsches interessante aphoristische Gedanken in „Menschliches Allzumenschliches“ und auf Elias Canettis „Masse und Macht“ verwiesen. Beide bereichern die Diskussion um den „Freien Willen“ in hohem Maß.
Sind die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, gesprengt, können die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstanden werden. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben längst offenbart, wie brüchig diese Ketten sind. Wer sich nicht befreit, wird die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht verstehen, geschweige abwenden. „Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben aber am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, dass auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer (militärischer) Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann. Der Perspektivenwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ oder göttliche Herkunft von Modellvorstellungen, von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“ oder zum „Weltgericht“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: Der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Titel der Ausgabe 2006 von "Der menschliche Kosmos"
„Der menschliche Kosmos“ erschien 2006 – als Vorlage zum Mit- und Weiterdenken

Reden wir vom Ziel dieses Buches: Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es ganz und gar unvollkommen, weil es darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die – mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst – handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

Ende des Vorworts

Wovon Medien – themenunabhängig – leben

Unser Gehirn hat ein Problem: “WARUM” ist seine Lieblingsfrage. Und die Antwort erfolgt reflexhaft – seit Millionen Jahren. Was das für unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben bedeutet, damit befasst sich Kapitel 4 in “Der menschliche Kosmos”.

4. Kapitel

Mir nützt, was anderen schadet – das egozentrische Weltsystem
Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler des egozentrischen Weltsystems. Rollenspiele vor der Gaskammer. Mitleid und Schadenfreude als soziale Schmiermittel.
sündenbockDas älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock.
Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: Es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Seine Gestalt ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit: gerade war es noch der Nachbar mit seinem knatternden Rasenmäher, da nimmt es schon verallgemeinert die Form einer stinkenden, umweltzerstörenden Autolawine an, beschleunigt jäh bis zum Überschallknall eines Militärjets. Die Fratze der Kommunisten erscheint kurz im Abgasstrahl. Die Menschen schütteln noch die Fäuste gegen den Himmel, da plumpst der Sündenbock ihnen als Kohlendioxyd speiender amerikanischer Politiker vor die Füße. Der aber löst sich sofort in Nebel auf: „Die CIA!“ raunt es dunkel. „Die Illuminati“, grunzt der populärwissenschaftlich gerüstete Papa und greift zum Bier. Auf dem Bildschirm erscheint ein mit professoralen Weihen geadelter Sachverständiger und schickt sich an, den Schuldigen des jeweiligen Elends dingfest zu machen, aber plötzlich verlischt das Bild.
„Vanessa, du kleines Mistvieh, leg sofort die Fernbedienung auf den Tisch“, kreischt die Mama, es folgt das Geräusch eines schweren pädagogischen Missgriffs und das Geplärr jener kleinen, schwachen Figur, in die der Sündenbock gerade inkarniert ist.
Vom Sündenbock lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: er ist schuld. Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära des quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens mit der Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Denn nicht nur die wirkliche Jagd – etwa auf den Pfuscher am Arbeitsplatz oder in der Verkehrsbehörde – frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen seiner politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen müssen dazu gerechnet werden, seine Auftritte auf Bühnen, in Film, Funk, Fernsehen und Computerspielen, in Büchern und Zeitschriften. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit ihm, dem Sündenbock, oder anders gesagt, damit, Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
Weiterlesen in Abschnitt 2

Diktatur und Schwarmdummheit

AlbertEinstein_BriefmarkeTeil 3 des Vorworts von „Der menschliche Kosmos“. Zurück zu Teil 2

Die Physik erweiterte ihr Weltbild seit Beginn des 20. Jahrhunderts um Relativitäts– und Quantentheorie. Sie revolutionierte das wissenschaftliche Denken, Forschung und Technik, auch die Philosophie, vor allem aber die Informationstechnologie. Mit dem Boom der digitalen Kommunikation, der globalen Netzwerke und deren Allgegenwart verschoben sich Konkurrenzen um die Macht zwischen deren materieller und informeller Dimension. Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien, folgen gewohnheitsmäßig aber den Mustern mechanischer Dominanz. Sie zeigen das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von Vorgängen, durch Ursache und Wirkung verknüpft. Der Mensch ist herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. In deren Besitz wähnte sich der Marxismus-Leninismus und beanspruchte die Weltherrschaft mit dem Versprechen, das Wohl der Menschheit mittels Planwirtschaft durchzusetzen. Leicht abgewandelt ersetzen heutige kollektivistische Bewegungen den „Godmode“ objektiver Erkenntnis durch die „Weisheit der Vielen“, „Schwarmintelligenz“ oder – so kurz wie kindisch – durch das simple „Wir sind mehr“.

Dieses Vorgehen hat sich in der Wechselwirkung zwischen Sinnen, Umgebung und Gehirn durchaus bewährt. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte, Krankheitserreger und „Schädlinge“ auszurotten, Schuldige zu identifizieren, zu bestrafen in der Hoffnung, andere Missetäter abzuschrecken. Die Masse folgte dem Rezept fast jederzeit, ohne sich über die Theorie dahinter und mögliche systemische Nebenwirkungen Gedanken zu machen. So ließen Ausrottungsfeldzüge – etwa mit Antibiotika – immer gefährlichere Krankheitskeime heranwachsen, manche „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Kriminalität ließ sich durch grausamste Verfolgung nie beherrschen, stattdessen zerstörten Denunziation, Folter, Lagerhaft Vertrauensgrundlagen der Gesellschaft. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems, indem mechanisch an „Stellschrauben“ gedreht wurde, was neue Probleme erschuf, gern als „Herausforderung“ beschönigt. Die Frage „Warum“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert.

Wie wäre es, stattdessen öfter zu fragen „WOZU“? Genau das versucht dieses Buch.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Denken neue Bereiche eröffnet, es sind Begriffe wie „systemisch“, „vernetzt“, „ganzheitlich“ oder „komplex“ aufgekommen, ohne dass sie das Alltagsverhalten wirklich verändert hätten; oft sind sie nur Worthülsen, hinter denen sich tief eingewöhnte Denk- und Umgangsformen verbergen. Denn nach wie vor wird für fast jedes Problem nach einer „Ursache“ gesucht und für jeden Schaden nach einem Schuldigen – und ebenso oft geht es um die Macht: die informelle und materielle.

Wie ließe sich das Herangehen an komplexe Systeme verbessern? Ein paar Einsichten können helfen:

  • Auf die „wirkliche Vergangenheit“ haben wir keinen Zugriff, denn es gibt keine ZeitmaschineDelorean5Zeitmaschine, die ihn uns verschaffen könnte. „Vergangenheit“ – also jedes Ereignis in zurückliegender Zeit – lässt sich nur in Hervorbringungen unseres Gehirns „behandeln“, als Konstrukt, als Modell. Das Modell kann umfänglich sein und viele Details enthalten, wenn viele Gehirne an seinem Zustandekommen beteiligt sind – es bleibt ein Modell. Die vermeintlichen „Ursachen“ sind also ebenfalls Konstrukte. Das aber bedeutet, dass jede „Vergangenheit“ – jede Modellbildung überhaupt – unlösbar mit den Zielen desjenigen verbunden ist, der sie modelliert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Es gab und gibt keine von Zielen menschlichen Lebens abgekoppelte „Objektivität“ – weder im Denken noch im Handeln.
  • Nirgendwo in unserer Umgebung gibt es irgendein System – und das gilt vor allem für lebende Organismen –, das existieren könnte, ohne in Bewegung zu sein. Das gilt für die „innere“ Bewegung, mit der das System seine charakteristische Form aufrechterhält und für die „äußere“ Bewegung, in der das System mit seiner Umgebung wechselwirkt. Es ist diese Bewegung, die wir als „Zeit“ wahrnehmen.
  • „Innere“ und „äußere“ Bewegungen sind verkoppelt und konkurrieren miteinander. Jedes einzelne System hat das Ziel, sich in Form und Funktion zu erhalten, das heißt, die für seine innere Bewegung nötige Energie zu erlangen und äußere Störungen zu vermeiden. Eine der wesentlichen Strategien ist, dass sich viele Individuen – oder einzelne Zellen – zusammenschließen zu Schwärmen – bzw. neuen Organismen. Deren Form und Funktion ist nicht mehr durch einfache Ursache-Wirkungs-Schemata von der einzelnen Zelle – vom Individuum – abzuleiten.

Anschauliche Beispiele sind Schwärme von Fischen und Vögeln oder Pseudoplasmodien, Vielzeller, die sich schneckenhaft fortbewegen. Darin haben einzelne, zuvor amöbenhaft lebende Zellen einer bestimmten Art von Schleimpilzen die selbständige Existenz aufgegeben, wurden ununterscheidbare Teile eines „Metasystems“ mit qualitativ völlig anderen Erhaltungsstrategien und Bewegungsmustern als die Teilorganismen. Menschenmassen können „Schwarmqualität“ erreichen. Physisch ist das bisweilen in Zeitrafferaufnahmen sicht-, im Stadiongeräusch hörbar. Die Kommunikationskanäle, deren es dazu bedarf, sind ein Hauptthema, dieses Buches.

  • Es gibt kein System, das von Wechselwirkungen unabhäng existiert, und diese Wechselwirkungen lassen sich von den Erlangungs- und Vermeidungsstrategien aus – also den Zielen der wechselwirkenden Systeme – statt von deren „Vergangenheit“ („Ursachen“) aus betrachten.

Diese veränderte Art, Menschen und ihre Umwelt anzuschauen, erscheint zunächst mindestens irritierend, wenn nicht unlogisch. Das liegt aber einfach daran, dass fast jeder mit Begriffen wie „Vergangenheit“ und „Ursache“ verwachsen ist – genauso selbstverständlich, wie sein Gehirn „kopfstehende“ Bilder von der Netzhaut umdreht. Es ist ein winziger Teil einer ungeheuren, andauernden, unzertrennlichen und komplexen Zusammenarbeit zwischen Körper, Gehirn und Welt.

Fortsetzung (Teil 4 und Schluss des Vorworts)

Wir sind die Guten und bringen euch um

Exécution de Marie-Antoinette, Musée de la Révolution française - Vizille
Jubelnde Menschenmenge bei der Enthauptung von Marie Antoinette (Musée de la Révolution française [CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D)

„Der menschliche Kosmos“ – das verlangt der tolldreiste Titel – ist „Work in Progress“. Das Weblog gibt Leseproben dazu. Hier Teil 2 des Vorworts. Teil 1 unterm Link

Die Frage nach dem Überleben der Menschheit ist – spätestens seit dem nuklearen Gleichgewicht des Schreckens – die Frage nach einem Umgang mit Konflikten, der Gewalt begrenzt.
Wie soll das gehen?
Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie, wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Menschen erleben andauernd, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder der Taliban- Bunker, der in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm oder dem 3-dimensional animierten Killerspiel auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.
„Das Böse“ sind immer die anderen.
„Gewalt Macht Lust“ – das ist ein Dreigestirn von fast ebenso metaphysischer Dimension wie „Glaube Liebe Hoffnung“. Aber mit der Moral und Metaphysik von Gut und Böse kommt man ihm ebenso wenig bei, wie mit dem Schraubenzieher des mechanischen Zeitalters, das den Menschen als vernunftbegabtes Tier und den Kosmos als Räderwerk von unablässig aufeinander folgenden Ursachen und Wirkungen ansieht.
Gewalt ist weder gut noch böse, dazu macht sie nur und ausschließlich unsere Wahrnehmung. Ebenso wenig ist sie „gerecht“ oder „ungerecht“ – dazu macht sie ausschließlich die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Opfer oder Nutznießer.
Eines aber ist Gewalt ganz sicher: sie ist immer an ein Ziel gebunden, sie ist eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels. Das Ziel kann sein, zu vermeiden, dass ein anderer sein Ziel erreicht.

Wer dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen will, muss vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Er muss aufhören, nach vermeintlich rechtfertigenden Ursachen zu fragen und stattdessen die ZIELE der Handelnden erkunden.

Der Einzelne – wie das als Subjekt handelnde Kollektiv – muss imstande sein, die Perspektive zu wechseln.

Das Bild des Menschen von sich und seiner Umwelt wandelt sich fortwährend, selten freiwillig. Sigmund Freud und manche gegenwärtigen Autoren sehen etwa in der „Kopernikanischen Wende“, in Darwins Evolutionslehre, in Freuds Psychoanalyse „Kränkungen der Menschheit“. Neue Kränkung sei von der Künstlichen Intelligenz zu erwarten. Kränkung oder nicht: Seit je offenbaren Vorstellungen vom Menschen vor allem erstaunliche, bisweilen erschreckende Redundanz, selten dagegen neue Farben und Konturen. Beachtliche Beiträge lieferten etwa der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“1 – zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“ und Rüdiger Safranski mit „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“2.

Fortsetzung


1  Alva Noë „Du bist nicht Dein Gehirn“ Piper Verlag, 2010

2 Rüdiger Safranski S. Fischer Verlage 2003 „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“

Preußens Gloria: Schlachten für die deutsche Einheit

Titel zu 70/71Der Krieg, dessen Höhepunkt die Gefangennahme und Kapitulation des französischen Kaisers Napoleon III. war, und als dessen wichtigstes Resultat in Schulbüchern gemeinhin die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal des Versailler Schlosses erscheint, ist in Archiven und Sammlungen  sehr gut dokumentiert, darüber hinaus auch in den damaligen Zeitungen. Die Ära der Massenmedien hat begonnen: Illustrationen – meist Stiche nach Photographien – steigern Reichweiten, Attraktivität und Wirkung der Presse enorm,  sie werden das Entstehen und den Verlauf kommender Kriege mitbestimmen. Wie groß die Bedeutung der Propaganda seinerzeit schon war, lässt ein  Bericht der “Gartenlaube” aus den Anfangswochen des Krieges erkennen.

Der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm hat eine Gesamtschau politischer, militärischer, technischer Entwicklungen und des Geschehens verfasst; er konnte auf eine kaum fassbare Fülle an Material bis hin zu Berichten von Augenzeugen zugreifen. Er hat klug ausgewählt, lässt beide Seiten und internationale Beobachter sprechen und erzählt so spannend, dass mir von der Einleitung an die Lust am Lesen niemals ausging. Schon die politische Vorgeschichte animierte mich darüber hinaus, im Internet nach weiteren Details zu suchen, etwa zum Chassepot-Gewehr, das dem deutschen Zündnadelgewehr überlegen war, wenn es auch die Niederlagen französischer Armeen letztlich nicht verhindern konnte. Der Autor regt immer wieder an, zukünftige Entwicklungen mitzudenken: dass Logistik und Mobilität der Truppen, auf Eisenbahnen gegründet, den Ausgang von Schlachten entschieden, wie Informationsflüsse von funktionierenden Telegraphen abhingen, wie die Wehrpflicht die deutsche Heerführung begünstigte und auf beiden Seiten der Rückhalt in der Bevölkerung den Kriegsverlauf mitbestimmte.

Wer selbst einmal stundenlang ungeschützt im Schlamm bei Wind und Regen unter freiem Himmel ausharren oder im Schützengraben eine Frostnacht durchstehen musste, hat zumindest eine Ahnung von den Leiden der Soldaten – Verwundung, Gefangennahme, Hunger und Tod kann er sich kaum vorstellen. Offiziere fielen häufig als erste, weil sie den Truppen Vorbild sein wollten; „skin in the game“ würde das heute heißen. Noch gab es Kämpfe Mann gegen Mann, aber deutsche Artillerie, französische Mitrailleusen als Vorläufer der Maschinengewehre wiesen auf die Vernichtungskraft künftiger Militärtechnik, Bombardements von Städten auf entgrenzte Gewalt in länger anhaltenden Konflikten hin.

Selbst in den wenigen Monaten dieses Krieges nahmen die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung zu. Hunger und Seuchen, Plündern und Vergewaltigen, das Eingreifen von Guerilla, den sogenannten Franctireurs, gefolgt vom Niederbrennen ganzer Ortschaften zur Vergeltung erscheinen in Bremms Buch wie Wetterleuchten späterer Vernichtungsfeldzüge, Genozide, lassen den „Totalen Krieg“ vorausahnen.

Der Autor betrachtet gleichwohl den Triumph der Sieger, die Annexion von Elsass-Lothringen, den Friedensschluss Bismarcks nicht als simple Ursache kommender Weltkriege. Das deutsche Kaiserreich stabilisierte zunächst die europäische Ordnung. Die Schlächtereien des 20. Jahrhunderts bedurften vieler Faktoren – etwa des Emporkommens imperialer Impulse über den bloß nationalen Rahmen hinaus – um unvorstellbare Leichenberge und Zerstörungen zu hinterlassen. Mag auch manchen Sozialisten die Pariser Kommune von 1871 heute noch Probestück einer besseren Gesellschaft sein: Sie trägt den Keim jener Massaker in sich, die totalitäre Systeme im Gefolge kommender Revolutionen prägten.

Mehr als Fakten, Ereignisse und Personen eröffnen sich dem Leser, und über heutige ungelöste – womöglich unlösbare – Konflikte einer auf Frieden zielenden Politik nachzudenken, legt der Autor ihm nahe. Reichlich Stoff für qualifizierten Geschichtsunterricht.

Klaus-Jürgen Bremm „70/71 – Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ 336 S. mit 27 s/w Abb. und Karten, 2019 wbg Theiss, Darmstadt.

Unsterblicher Kitsch?

Grau_KitschDen Begriff “Kitsch” gibt es wahrscheinlich erst seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, unsicher ist, ob er Lehnwort aus der Sprache der Roma, sicher, dass er als Lehnwort aus dem Deutschen ins Englische, Französische, Türkische, Griechische übernommen wurde. Der Artikel in der “Wikipedia” bietet Beispiele und Indizien, aber Kitsch präzise zu definieren gelang ebenso wenig, wie Dinge aus der Welt zu schaffen, die ihm zugerechnet werden. Alexander Grau, promovierter Philosoph und freier Publizist, widmet dem Phänomen – insbesondere seiner politischen und speziell der deutschen Spielart – einen Essay, den ich mit Vergnügen gelesen habe und weiterempfehle.

Ohne den kenntnisreichen und klug argumentierenden Text verkürzen zu können, drängten sich zwei Gedanken vor: Kitsch ist keineswegs harmlos, und es wird ihn geben, solange Menschen Dominanz- und Herdenimpulsen folgen, also auch noch dann, wenn Außerirdische auf die Überreste unserer Zivilisation stoßen. Vielleicht können sie klären, ob und inwieweit politischer Kitsch für deren Untergang ursächlich war.

Alexander Graus geistesgeschichtlichen Überlegungen zufolge gab es Kitsch schon in sehr frühen Kulturen, er hängt eng mit Religionen zusammen. Das ist nicht verwunderlich, denn in Auseinandersetzungen um die Macht gab und gibt es immer eine materielle und eine informelle Dimension; Kitsch hat einige Qualitäten, die ihn zum kommunikativen Kitt in Kollektiven prädestinieren. Wem es gelingt, einen Kultgegenstand, ein Ritual, eine Person, ein Ereignis im allgemeinen Bewusstsein zu überhöhen, als mehr erscheinen zu lassen, als es wirklich ist, also sich und anderen eine sinngebende, kollektive Bedeutsamkeit vorzutäuschen, wem das gelingt, der erlangt damit informelle Macht. Hat er Erfolg, kann er genügend Anhänger emotional an den (Kitsch-)Kult binden, wird er seine Deutungshoheit befestigen. Auch wenn die harte Realität ihn einmal widerlegt, muss das nicht Konsens und Konformität zerstören; es bedarf dazu katastrophalen Scheiterns, selbst das überlebt der Kitsch meist.

Das liegt zweifellos am Bedürfnis des Einzelnen, sich im Kollektiv geborgen zu fühlen: Die Familie, die Herde, die Organisation versprechen Schutz, Zusammenhalt, Teilhabe auch an materieller Macht – um den Preis konformen Verhaltens und Denkens. Alexander Grau sieht im Kitsch ein hochinfektiöses Pathogen, „insbesondere in Zeiten starker Veränderungen und Verunsicherung, wenn die Menschen anfällig sind für alles, was Geborgenheit verspricht, Nestwärme und Sicherheit.“

Von der säkularen Ausprägung des Politkitschs nach der Französischen Revolution, von seinen ebenso pompösen wie lächerlichen Wandlungen im 19. Jahrhundert, kommt der Autor zu den totalitären Systemen des Faschismus und Kommunismus; in beiden wird der Kitsch allgegenwärtig, sakrosankt – und wer kritische Fragen stellt, wird zum Feind, den es zu isolieren, zu bestrafen, zu vernichten gilt. Er zitiert Milan Kundera: „Unter diesem Gesichtspunkt kann man den sogenanten Gulag als Klärgrube betrachten, in die der totalitäre Kitsch seinen Abfall wirft.“

Sowohl der faschistische wie der antifaschistische und kommunistische Kitsch haben die Zusammenbrüche der jeweiligen Systeme trotz Millionen Menschenopfern gut überstanden, sie leben mit ihren Phrasen, Parolen, Symbolen, Ritualen in Erlösungsgeschichten für die jeweilige Gefolgschaft fort. Alexander Grau nennt ihn an der Realität gescheitert, nicht ohne im „absoluten Kitsch“, im „Traum von der totalen Versöhnung der Welt“, wiedergeboren zu werden – als der „Leitideologie spätbürgerlicher Gesellschaften“.

Das letzte Kapitel widmet er der „deutschen Spezialität“, und es ist amüsant, wie der auf Rationalität bedachte und der Gefühligkeit abholde Autor seinem Abscheu darüber Luft macht. Ich verstehe ihn gut. Insbesondere der „absolute Kitsch“ ist in seinen politischen, medialen, ästhetischen Auftritten schwer erträglich – aber noch gefährdet es nicht das Leben des Einzelnen, sich ihm mit Mut zu selbständigem Denken, scharfen Argumenten, beißendem Witz zu widersetzen. Nicht wenige wagen es. Das ist in China, in Russland, im Herrschaftsbereich von Gottesstaaten und sonstigen Diktaturen anders. Dort blüht der Kitsch, Gegenwehr kann tödlich sein. Er blüht auch in supranationalen Politbürokratien wie UN und EU. Ein verfasster politischer Wille, ihm den Garaus zu machen, ist schlechterdings nicht vorstellbar, zumal in den Subkulturen des Internets der Nachwuchs üppig gedeiht.

„Il faut cultiver notre jardin“, lässt Voltaire, der Aufklärer, am Schluss des Romans „Candide“ den gescheiterten Philosophen Pangloss sagen. Kitschfreie Bündnisse der Vernunft zwischen Naturwissenschaftlern, Künstlern, sogar manchen Politikern und Leuten, die „Was mit Medien“ machen, sind dabei immerhin noch möglich. In der „Blogosphäre“ zum Beispiel.

Alexander Grau „Politischer Kitsch“, Claudius Verlag, gebundene Ausgabe 128 Seiten, 14 €

Die Macht der Rituale und die Rituale der Macht – Fortsetzung

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Berlin, GLAM on Tour (2018), Jagdschloss Grunewald NIK 5073

David schlägt Goliath – Gemälde aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä.

Vor jedem Handeln liegt eine Entscheidung. In den allermeisten Fällen sind wir uns dieser Entscheidungen nicht bewusst. Wenn wir zurückschauen, ergibt sich fast ausnahmslos, dass einer der Handelnden die Tendenz hatte zu dominieren. Es gab immer einen Sieger, einen „Hammer“ und einen „Amboss“. Unsere Geschichtsschreibung und insbesondere die Massenkultur suggerieren, dass ein Sieg, dass das Beherrschen des Gegners wünschenswert ist: „The Winner Takes it All“. Egal was die Siege kosten – sie sind zunächst und vor allem Siege. Diesem Prinzip ist der Mensch seinem Mitmenschen und seiner natürlichen Umwelt gegenüber einige Jahrtausende hindurch gefolgt, und er beherrscht sie mit seinem bewundernswert entwickelten Instrumentarium heute in Bereichen, von denen nur Visionäre vor hundert Jahren träumten. Überschallflüge, Raumgleiter, Tiefseetaucher, Rasterkraftmikroskope für Millionstel Millimeter kleine Räume, Laserimpulse von gewaltiger Energiedichte, die so kurz sind, dass sich Trillionstel Sekunden kurze Prozesse in Molekülen fotografieren lassen. In den Medien jagen sich die Meldungen von immer mächtigeren Wirtschaftsunternehmen und Supercomputern, gentechnischen Wunderwaffen gegen Krankheiten; bald sollen Roboter, so klein wie Bakterien, unsere Körper durchwandern, diagnostizieren und reparieren.

Noch mehr fesseln das Publikum und die für Werbeeinnahmen zuständigen Medienmanager allerdings Nachrichten von Katastrophen: Wirbelstürme, Killerviren, abstürzende Jets, Massenmorde, Erdbeben, Klimawandel. „Wird es schlimmer?“ fragen die Journalisten mit Mienen voller Besorgnis, „Und wenn ja: WARUM? UND WER IST SCHULD?“
Sie sollten sich damit nicht weiter quälen. Die Menschheit ist einfach dabei, sich zu Tode zu siegen. Das ist ganz normal, denn jede Strategie ist eine Strategie zum Tod. Solange wir dem Dominanzprinzip huldigen, die Welt als Maschine betrachten, deren Rädchen nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung ineinandergreifen und nach dem Warum fragen, wenn uns ein Kampfhund in die Nase beißt, sind die Tage menschlicher Existenz ebenso gezählt, wie die Minuten eines Igels, der sich vor einem Vierzigtonner zusammenrollt.

Bevor in einer Interaktion eine Entscheidung fällt – also andauernd im „Rhythmus von Millisekunden“ – ist in einem komplexen Prozess die Auswahl einer bestimmten Strategie abgelaufen. Jede Lebensform entscheidet sich für diejenige, welche das Wünschenswerte, das erfahrungsgemäß Erfolgreiche, antizipiert. Um es noch einmal ganz deutlich zu unterstreichen: Entscheidungen und Handeln sind von Zielen bestimmt, nicht von Ursachen, die „innere Matrix“ liefert dafür die Strategien. 99 % der Entscheidungen erfolgen unbewusst. Und die gewählten Strategien laufen ganz und gar nicht immer auf erfolgreiche Dominanz hinaus, sondern – Sie können es vielleicht schon nicht mehr hören – auf den Erhalt dynamischer Gleichgewichte, unabhängig von den Zielen der Beteiligten. Dabei konkurrieren Strategien mit äußerst unterschiedlichen Zeithorizonten, die sich im Laufe des Lebens obendrein sehr verändern. Bewusst wird von diesem permanenten „Streit der Gefühle“ das wenigste.
Aber unsere Wahrnehmung ist retrospektiv. Wir schauen auf das Ergebnis und interpretieren es auf Ursache und Wirkung hin. Wir konstruieren Wirklichkeit über Blicke in den Rückspiegel, während das Leben unablässig weitergeht – und wir von der Realität vor uns, von der Zukunft, nichts wissen können. Wir können nur aus statistischen Daten eine mögliche Zukunft modellieren. Das funktioniert erfahrungsgemäß ganz gut, aber es bleibt eben ein Modell, das von Daten aus dem Rückspiegel lebt.

02 I Exposición Monográfica Club Rottweiler de España - Santa Brigida - Gran Canaria

Rottweiler sind nicht bissiger als andere Hunde. Auf den Halter kommt es an

Realität: Die Nase blutet, der Rottweiler ist weg. – Konstrukt, um sicheres Verhalten gegen künftig auftauchende Beißer herauszufinden: „Was habe ich falsch gemacht? Warum hat er gerade mich gebissen?“ Außer der Frage war nichts falsch. Es war Glück.

Der Rottweiler antizipierte eine leichte Beute und hätte sicher weiter gespielt. Er hätte Sie gern zum apportierbaren Fleischklumpen gemacht, aber ein Pfiff seines Herrn, eines strengen Dominanzanhängers, hielt ihn ab. Hasso wollte, statt seinem Instinkt zu folgen, lieber schwerste Prügel vermeiden: Ziel und Strategie wechselten blitzschnell. So weit die Realität. Ebenso naheliegende wie fragwürdige Schlüsse:

  • Alle Rottweiler sind bissig – meide sie!
  • Leinenzwang für Hunde muss überall gelten!
  • Das Halten bissiger Hunde muss verboten werden!
  • Hundehalter brauchen einen Hunde-Führerschein!
  • Hunde dürfen nur in umzäunten, mit Warnhinweis ausgewiesenen Gebieten frei laufen!

Jeder dieser Schlüsse – hierzulande gern in Regeln gefasst und mit bürokratischem Aufwand verbunden – zieht Verhaltensszenarien nach sich. Besteht auch nur eines die Prüfung auf Realitätstauglichkeit? Schon Versuche, in Verkehrsmitteln oder an öffentlichen Plätzen, wo sich Menschen drängen, einen Zwang zu Leine oder Beißkorb durchsetzen zu wollen, sind hoffnungslos gescheitert. Regeln wecken sofort den Impuls, sie zu umgehen. Es stellt sich eine neue Realität ein, von der manche nutznießen, unter der andere leiden. Das Grundproblem der Hundehaltung bleibt weitgehend ungelöst, Tucholskys Glosse über Hunde und Hundehalter aktuell wie je.

Welche Vielzahl von Strategien wir einsetzen, habe ich in dem (bisher nicht im Weblog publizierten) Kapitel des “Kosmos” über die „wortlose Weltsprache”, den körperlichen, nonverbalen Teil der Kommunikation, angedeutet – auch dass unsere Wahl- und Entscheidungsfreiheit ziemlich beschränkt ist. Aber des Menschen besonderes Instrument – Sprache und sprachliches Bewusstsein –, das ihn vom Igel unterscheidet, könnte er zu Anderem nutzen, als nur um zu dominieren. Wir können uns bewusst machen, dass Dominanz nur den engsten Zeithorizont erfasst und als singuläres Verhältnis in dynamischen Systemen auf Stillstand und chaotischen Zusammenbruch – also Krise, Gewalt, nicht selten Krieg und Tod hinausläuft. Daran ist noch jede totalitäre Ordnung gescheitert.
Anschaulich gesprochen: Wer seinen Trieben, Wünschen und Lüsten samt ihren mechanischen Rechtfertigungen („wenn ich’s nicht tue, tut’s ein anderer“, „schließlich machen es alle so“) folgt und despotisch durchsetzt „was das Herz begehrt“, zerstört sich selbst. Anarchie ist insofern nur die Kehrseite des Despotismus, dem sie zu trotzen behauptet. Sich jederzeit möglichst nach Lust und Laune verhalten zu können, erscheint vielen wünschenswert und entspricht kindlichen Vorstellungen von „Freiheit“. „Keine Macht für niemand“ oder „Gebt den Kindern das Kommando“, so wird gesungen und skandiert. Es sind Despotenträume.

Dimensionen und Dynamik der Macht (I)

Pyramid_of_Capitalist_System

Die Machtpyramide des Kapitalismus im 19.Jahrhundert

Macht lässt sich in zwei Dimensionen verorten: In der materiellen und der informellen – in Besitz und sozialem Rang. In beiden formt sie sich zu verschiedensten dynamischen Systemen von Wirtschaft und Politik aus. In den zeitgenössischen Oligarchien mit ihren elaborierten, weltumspannenden Netzwerken erreichen diese Systeme höchste Komplexität. Ihr Streben geht dahin, stabil zu werden bis zur Unangreifbarkeit (so wie Individuen wünschen, unsterblich zu sein – aber diesen Gedanken führe ich hier nicht weiter fort). Sind nicht Herrschsucht und Habgier, Missgunst und Neid elementare Treiber der Dynamik aus Erlangen und Vermeiden? Und hängt nicht der informelle Machtanteil womöglich mit der Fragilität von Oligarchien zusammen?

Geschichte und Gegenwart belehren einen fortwährend, wie regelhaft manche Muster im Wechsel von Krise, Absturz, Chaos, Neuordnung immer wiederkehren, sei’s in Familien oder Sozialgebilden unterschiedlicher Größenordnung. Besitz ist offensichtlich bedeutsam für Macht; das Kapital erlangt universellen Zugriff auf Güter und Dienstleistungen aller Art – aber es würde scheitern, wäre es uninformiert. Lassen sich die Wechselwirkungen von „Materie + Information“ in den Lebenszyklen der Macht erkennen, beschreiben, gar modellieren?

Titel von "Die Berechenbarkeit der Welt"

Revolutionen, Krisen, Kriege im Computermodell?

Bernd-Olaf Küppers war Naturphilosoph an traditionsreichem Ort: nach den ideologisch verfinsterten Jahren von Nationalsozialismus und SED-Herrschaft forschte und diskutierte er an Jenas Universität als freier Geist. Küppers hat außer naturwissenschaftlicher Expertise auch gründliche Kenntnis von der Wissenschaftsgeschichte. „Was ist Leben?“, fragt er zu Anfang des dritten Kapitels in seinem Buch „Die Berechenbarkeit der Welt“ und antwortet mit der Gleichung Leben = Materie + Information. Die spröde Formel erläutert er überraschend kurzweilig: auch ein unerfahrener Leser wird verstehen können, was Physiker, Mathematiker, Biologen und Informatiker zu einem solchen Grundgedanken hinführte.  Küppers sagt den Strukturwissenschaften – etwa der Systemtheorie – als Querschnitt und zugleich als Fundament sowohl der Geistes- wie der Naturwissenschaften voraus, dass sie sich der Berechenbarkeit der Welt immer weiter nähern.

Das entspricht wohl dem optimistischen Blick eines Emeritus aus dem Jenaer Universitätsturm. Hinter dem Wunsch nach Berechenbarkeit der Welt verbirgt sich nämlich ganz realer Sprengstoff: der Wunsch, sie zu beherrschen. Das Wissen unserer Zeit wächst gewaltig, die Verhaltensmuster von Steinzeit und Mittelalter wachsen jederzeit mit: gewaltbereit. Umso dringlicher wird die Frage nach den sozialen Strukturen der Zukunft – Küppers‘ Buch wirft sie nicht auf.

Titel von "Der menschliche Kosmos"

Gefühle – Konflikte – Strategien

Einige Züge von individuellem und Gruppenverhalten habe ich in „Der menschliche Kosmos“ näher betrachtet, und der wichtigste Ansatz dabei war, nicht mehr nur nach Gründen (warum?) sondern nach Zielen (wozu?) im ununterbrochen laufenden Strom von Entscheidungen des Menschen und seiner sozialen Gebilde zu fragen. Das Geheimnis hinter – meist unbewussten, intuitiven – Entscheidungen lässt sich mit dem Begriff der Antizipation fassen. Es ist ein schillernder Begriff, ich verstehe darunter die – meist unbewusste – Vorwegnahme eines Handlungsziels, die Impulse zum Erlangen bzw. Vermeiden steuert. Wie sehr unser Alltag davon abhängt, dass wir unablässig „automatisch“ agieren, können Sie im 6. Kapitel des „Kosmos“ etwas genauer nachlesen.

Dass Macht auf besondere Weise antizipiert wird, dürfte niemanden überraschen. Das tägliche Geschehen in den „Sozialen Netzwerken“ bezeugt eindrucksvoll, wie stark die Gier nach Aufmerksamkeit ist – also nach einem Platz an der Sonne informeller Macht. Es mag sein, dass der Ruhm von „YouTubern“ und viralen Kurznachrichten nur kurze Zeit währt: Wie sehr und intensiv sie von Politik und herkömmlichen Medien in Dienst genommen werden, beweist ihre Eignung als Instrumente im Kampf um die Köpfe der Massen. Geld und Besitz erwirbt damit nur ein winziger Bruchteil der im Netz verbundenen Nutzer. Die Megakonzerne der „Aufmerksamkeitsökonomie“ aber bewegen die Welt und häufen Milliarden auf Milliarden. Sind sie andererseits nicht auch anfälliger als Stahl- und Automobilfabriken? Wie sieht es aus, wen ein solcher Koloss ins Schlingern kommt, gar zusammenbricht?

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Menschenwerk

Liebespaar im Kornfeld
Illustration meiner Mutter zu Erich Kästner „Der Juli“

Die Instrumente menschlichen Handelns ändern sich, nicht aber die Handlungsimpulse. Egal, wie sich Liebespaare finden – über Dienste im Internet, auf Parties, in der Disco oder im Flüchtlingslager: Ihr Ziel ist dasselbe. Und wann, wo, wie, für welchen Zeitraum sie es erreichen: Das ist der Stoff für Träume, Dramen, Opern, Lieder, Gemälde, Romane, Gedichte – so wie in Erich Kästners Versen über den Sommermonat und das „zerzauste Pärchen“, verborgen im Korn auf zerdrücktem Mohn:

„Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluss des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.“

Die stärksten Impulse lassen sich kaum steuern. Das ist der Stoff für Konflikte. Eltern, Lehrer, Tugendwächter, Politiker stehen ihnen immer wieder hilflos gegenüber. Auch wenn sie sich fortwährend neuer, besserer Werkzeuge der Manipulation versichern – Menschen verhalten sich nur zeitweise nach ihren Wünschen. Dann zwingt der blinde Fleck aller Dominanten, ihre Selbstwahrnehmung, sie zum rücksichtslosen Einsatz ihrer Machtinstrumente. Angela Merkel ist zum schlagenden Beispiel geworden. Sie stellte sich gewiss nicht selbst in jene Phalanx der von Troja bis Vietnam katastrophal Scheiternden, die Barbara Tuchman in „Die Torheit der Regierenden“ beschrieben hat. Ihr Platz darin ist ihr gleichwohl so sicher wie ihr Beharren auf „Alternativlosigkeit“. Sie ist Täterin und Opfer machtbesessener, größenwahnsinniger Politbürokratie. Sie wuchs hinein, sie verlor die Fähigkeit, Folgen ihres Handelns selbstkritisch zu befragen.

Ihr Denkmal steht freilich wie die von Marx, Lenin, Stalin, Mao Zedong auf einem ziemlich gehärteten historischen Sockel. Massen von Mitläufern mauern ihn allzeit auf, solange ihr Eigennutz solche Bauwerke befestigt. Die Instrumente ändern sich, die Handlungsimpulse nicht. Männer und Frauen sind verschieden? Ja – aber genau darin sind sie gleich: In dem Erhalt der Impulse. So passen sie perfekt nicht zueinander.

Glück ist das Unvergängliche im Vergehen

Wenden wir den Blick ab, geneigter Leser. Wem das Glück widerfährt, das zu verstehen, der kann in all dem unvermeidlichen Geschehen seinen Sinn für Schönheit entwickeln, und wenn er noch mehr Glück hat, erlebt er im Treiben lassen und gegen-den-Strom-Schwimmen ein erfülltes Da-Sein: Zwischen Mut, Angst, Hass und Liebe, Versagen und Gelingen. Das Tier im Menschen wird ihm vertraut. Die Furcht schwindet. Wenn am Ende die Kräfte nachlassen, wird er einsam, und das letzte Glück ist, dennoch geliebt zu werden. Dann nimmt der Schmerz ihn hin.

Es ist der Fluch des modernen Feminismus, dass er sich der Verschiedenheit von Männern und Frauen nicht vergewissern, sondern sie einebnen will. Aber Leben ist Konflikt. Wer den Endsieg zur moralischen Ultima Ratio erklärt, läuft in die Falle des tödlichen Totalitarismus – erkennbar am Elend der Grünen, des Genderismus und aller anderen -ismen. Sie müssen auf Konflikte mit Feindbildern und Krieg antworten. Die Herden der Mitläufer(-innen) sind schnell mobilisiert, denn auch deren Impuls zur Teilhabe an der Macht ändert sich nicht. Diese Herden wachsen – von Krieg zu Krieg – jedenfalls schneller nach, als alle Versuche, mit Konflikten anders umzugehen, als die Katastrophen seit je nahelegten. Deshalb ist die meistgebrauchte Strategie: Mehr desselben.

Immerhin: Die sich daran abarbeiten, sind noch nicht ausgestorben. Insofern darf einer den Glauben an eine Heilsgeschichte nicht aufgeben, auch wenn der Blick aufs politische Personal und seine Gefolgschaft noch so trostlos ist.

Geschichte trifft Gegenwart: Ein Buch für Demokraten

Schroeder, Der Kampf ist noch nicht zu Ende.inddMassenmörder, Auftragskiller, Folterer, Schreibtischtäter: Sie sind Lieblingsfiguren der Geschichtsschreibung, in Filmen und Literatur – sei es als Monster, unheimliche Doppelexistenz oder gottgleich verehrtes Leitidol. Und wenn eine Lichtgestalt auftritt, bedarf sie solcher Gegenspieler zum Sieg, zur Machtübernahme – das heißt dann „Happy End“.

Die Realität kennt weder makellose Lichtgestalten noch Happy End. Das Ende der Gewalt ist der Beginn einer nächsten – Gewalt ist eine Konstituante menschlichen Handelns. Der Unterschied zwischen Leitidol und Schreibtischtäter, Lichtgestalt und Massenmörder liegt nur in der Wahrnehmung des Geschehens durch verschiedene Betrachter und in der Deutung, die aus ihr folgt. Gleichwohl ist es möglich, aus Deutungsmustern einer politischen Richtung auf deren Rechtsverständnis und Demokratietauglichkeit zu schließen: Wie beschreibt sie Konflikte, Motive und Ziele der Beteiligten? Gesteht sie eigenes Fehlverhalten ein? Korrigiert sie sich? Übt sie gar tätige Reue? Hält sie Spielräume fürs Verhandeln mit Gegnern offen? Oder versucht sie jedenfalls die Deutungshoheit zu gewinnen, indem sie Feindbilder schafft und verschärft; spricht sie Konkurrenten – egal ob Individuen oder Gruppen – die Menschlichkeit ab und sich selbst das Recht zu, Gewalt anzuwenden, womöglich schrankenlos?

Die langjährigen Forschungen von Monika Deutz-Schröder und Klaus Schröder fußen auf solchen Fragestellungen, und ihr Blick auf die Geschichte linker Gewalt ist nüchtern und sachkundig. Das Buch, in dem sie wissenschaftliche Ergebnisse zusammenfassen, geht tiefer und ist trotzdem spannender als jede filmische Doku. Es enthält sich weitgehend der Deutung, es beschreibt seinen Gegenstand akribisch und lässt dem Leser Raum zur Prüfung zahlloser Quellen und eigener Erfahrungen. Deshalb eignete es sich trefflich als Lehrbuch für den Geschichtsunterricht – und ist zugleich spannende Lektüre für einschlägig Interessierte. Ob es sich in der zunehmend polarisierten und pausenlos mit Strömen „geframter“ – also auf eine erwünschte Wahrnehmung hin gefärbter, häufig manipulativer – Informationen zu politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Themen wird behaupten können?

Einer, der das DDR-Regime von Geburt an erlebt hat, der in Schulen, Hochschulen und Alltag indoktriniert und desinformiert wurde, der zugleich lernte, sich dagegen zu wehren, gleichwohl sozialistische Gedanken nicht ablehnte, sondern lange für reformierte staatliche Verhältnisse eintrat, einer, den seit dem 14. Lebensjahr eine im Hintergrund mitwandernde Stasi-Akte verfolgte – so einer nimmt fast jede politische Publikation von im Westen sozialisierten Wissenschaftlern nicht ohne Skepsis zur Hand. In diesem Fall wusste ich seit langem um die fachlichen Qualitäten der Autoren, umso mehr schätze ich dieses historisch grundierte, kluge und verständige Buch über die unterschätzte Gefahr des Linksextremismus für die Gegenwart.

Für die Verbindungen zwischen linken Gruppen verschiedenster Ausprägung, RAF und Stasi etwa gibt es verlässliche Beweise, und dass sich seit den 60er Jahren internationale Netzwerke von Extremisten bildeten, war erst kürzlich wieder in einem Fernsehbericht zu verfolgen. Gern unterstützen Despoten jeglicher Sorte linksextreme (auch als NGO getarnte) Organisationen, um demokratische Staaten zu destabilisieren – das wäre beunruhigend genug. Schlimmer, wenn sich hierzulande herrschende oder als Opposition etablierte Parteien samt medialer Anhängerschaft solcher Gruppierungen bedienen, um unerwünschte Konkurrenz oder auch nur einzelne kritische Stimmen einzuschüchtern, womöglich zu ersticken.

Bürgerliche Parteien der Weimarer Republik ließen Hitlers NSDAP gewähren, gaben sogar medialen Begleitschutz für den Kampf gegen die Linke. Das war politischer Selbstmord. Die Ermächtigung der Nazis bedeutete auch ihr Ende. Ähnlich erging es nach 1945 jenen Teilen der SPD, der Liberalen und Nationaldemokraten, die sich unter dem Schlagwort “Antifaschismus” aufs Bündnis mit Ulbrichts Kommunisten einließen. Sie waren fortan wenig mehr als Handlanger.

Dieses Buch beweist, dass heutige Schläger, Brandstifter und Maulhelden von “Antifa” & Co. eben keine Helden sind. Wer Linksextreme ideologisch pampert, wer ihre Straftaten verklärt oder verharmlost, zeigt mindestens historische Unkenntnis, jedenfalls aber sein unreflektiertes Verhältnis zu totalitärer Macht. Wähler sollten das wissen. “Der Kampf ist nicht zu Ende” macht sie mit guten Argumenten vertraut: Damit sie künftig ihre Stimme nicht ein für alle Male abgeben.

Klaus Schroeder/Monika Deutz-Schroeder

Der Kampf ist nicht zu Ende

Geschichte und Aktualität linker Gewalt
1. Auflage, 2019
320 Seiten, Verlag Herder
ISBN 978-3-451-38298-7
€ 26,00