Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Paradoxe Politik: Siegen mit der Unschärfe?

Durer_Revelation_Four_RidersMerkelbashing ist eigentlich nicht erst seit dem Sommer 2015 ein Volkssport. Als aber damals die Bundeskanzlerin ziemlich einsam entschied, Deutschlands Grenzen für anströmende Migranten vom Balkan zu öffnen, verlagerte sich die Richtung, aus der sie geprügelt wurde: Prügel kamen nun von rechts, von rechts der Mitte, selbst von liberalen Konservativen. Applaus dagegen brandete bei allen auf, die Deutschland gern sozialistisch und grün gewendet sähen, in der Pflicht, das Elend dieser Welt bis zur Selbstaufgabe zu bekämpfen – zum höheren Ruhm von Funktionären. Sie erblickten in Merkel plötzlich eine Verbündete. Manche fühlten sich in ihrem Furor zum Verbessern globaler Verhältnisse derart angefeuert, dass sie alle Zuwandernden – egal woher und mit welchen Zielen – zu schützenswerten Flüchtlingen ausriefen, jeden dagegen, der auf erwartbare kulturelle, soziale und juristische Konflikte hinwies, mittels unfehlbarem politischen Stempelkasten als Rechten, Rechtspopulisten, Rechtsextremen, Nazi, Rassisten, … (ergänzen Sie hier entsprechendes Vokabular der politischen und journalistischen Phalanx) etikettierten.

Den entscheidenden Rückhalt bekam Angela Merkel allerdings nicht von den aus sicheren Ministersesseln, Abgeordnetenbüros und Redaktionsstuben lobhudelnden und unerwünschte Folgen bagatellisierenden Mitläufern, sondern von tausenden Hilfsbereiten: Menschen, die mit äußerstem Einsatz professionell oder freiwillig daran arbeiteten, Deutschland ein freundliches Gesicht zu geben. Und natürlich freuten sich alle, die von der hoch entwickelten Fürsorgeindustrie profitieren wollten, samt Zulieferern vom Schlepper bis zur NGO. Nörgler und Querulanten dagegen bekamen die geballte Verachtung derjenigen zu spüren, die sich so auf der moralischen und geschäftlichen Siegerstraße sahen. Talkshows der Anstalten, social media, Demonstrationen: Die Fronten wurden scharf, die Methoden der Auseinandersetzung hart bis zur Ausgrenzung von Inländern – Attacken auf die berufliche und geschäftliche Existenz inklusive.

Wechseln wir für einen Moment die Perspektive. Schauen wir mit den Augen jener Politiker aufs Geschehen, die an wachsender Migration Richtung Europa interessiert sein könnten. Wem käme es gelegen, würde die Mitte Europas durch zunehmende kulturelle, soziale, politische Konflikte destabilisiert? Da wäre zunächst Wladimir Putin, der im syrischen Bürgerkrieg eindeutig Position bezogen hat. Russland, wirtschaftlich weitgehend erfolglos, nach dem Bruch des Völkerrechts auf der Krim mit Sanktionen belegt, hat zweifellos Interesse daran, die politische Handlungsfähigkeit der EU (sofern es sie gibt) zu paralysieren und einer gut funktionierenden deutschen Wirtschaft etwas von ihrem Schwung zu nehmen, um als Partner wieder ins Spiel zu kommen. Er hat die „Syrien-Karte“ weidlich ausgereizt. Recep Tayyip Erdoğan erwies sich dabei als eingeschränkt tauglicher Verbündeter. Sein Hauptziel ist das Sultanat mit größtmöglicher Ausdehnung des politischen Islam ins Innere der EU, wobei ihm die Anhängerschaft nicht aller Muslime sicher sein dürfte. Dass Merkel ihm mit dem „Flüchtlings-Deal“ zusätzlichen Einfluss verschaffte, war von kurzem Wert, sein Appetit ist zu groß, die innerislamische Konkurrenz wird sich ihm vorerst sowenig unterwerfen, wie er imstande ist, den Tourismus und andere Wirtschaftszweige erblühen zu lassen. Dem „GröSulZ“ geht es ähnlich wie dem „GröFaZ“: Seine Anhänger jubeln, sähen gern alle Feinde durch Gefängnis, Todesstrafe oder Geburtenüberschuss marginalisiert, aber sonst mag ihn kaum einer. Natürlich hat Egon Bahr recht, wenn er sagt, dass es zwischen Staaten nicht um Menschenrechte und Moral geht, sondern um Interessen. Mag sein, dass persönliche Aversionen dabei meist ausgeblendet werden – gleichwohl gibt es sie, und es ist nicht unwichtig, wie die Mächtigen sie auszuspielen wissen. Das war zwischen Chruschtschow und Mao Zedong so, es ist zwischen Merkel und Putin zu beobachten.

Der Schauspielregisseur bescheinigt der Physikerin nicht nur dabei die größere Cleverness: Sie lässt sich gern unterschätzen. Wie hätten diese Herren (und andere Verehrer des deutschen Grundgesetzes) reagiert, wenn die Bundesregierung mehr oder weniger gewaltsam die Grenzen gegen Zuwanderer geschlossen hätte? Der Versuch wäre zu einer inneren Zerreißprobe geworden. Linke, Grüne, gleichgesinnte NGO, Gewerkschaften, hätten den Bundestag, akkommodiert von der Journaille mit Fluten hässlicher Bilder vom Balkan, sturmreif geschossen. Hilfe von außen? Von der EU? Von der „Lame Duck“ Obama? Glaubt daran irgendwer?

Und damit wende ich mich wieder der deutschen Bühne zu: Angela Merkel öffnet die Grenzen, bleibt in ihren Aussagen so unbestimmbar wie in nicht wenigen anderen wichtigen Entscheidungen. Weiß irgendwer sicher, was sie mit „Wir schaffen das“ meint? Sie bringt jedenfalls Besserwisser auf die Palme. Manche Kaffeesatzleser halten sie für naiv. Aber glaubt wirklich irgendwer mit einem Mindestmaß an Sachkenntnis vom Mediengeschäft, dass sie nach 27 Jahren in der Politik, die längst zur Mediokratie geworden ist, deren Muster nicht erkennen und für ihre politischen Ziele nutzen könne?

Lassen Sie mich weiter fragen: Hat sie die absehbar unvermeidlichen Krisen und Konflikte infolge massenhafter Zuwanderung aus Naivität, aus Verantwortungslosigkeit verschwiegen? Oder hat sie heimlich über die Idiotie der „geschenkten Menschen“ gegrinst, während sie abwartete, dass die Folgen ihrer „paradoxen Intervention“ – nämlich das Inkraftsetzen linksgrüner Wahnvorstellungen zur politischen Realität – sichtbar wurden? Glaubt irgendwer, dass sie ihre Erfahrung mit antibürgerlicher Politik in der DDR vergessen hat?

Im Gegensatz zu den Deppen an der Spitze der SPD, deren Repertoire sich in Gerechtigkeits-Phrasen und dem Aufbau eines sozialistischen Staates im Staat durch steuerfinanzierte SJW-Korporationen nebst willigen „Medienmachern“ erschöpft, vermeidet sie Breitseiten im Stile des Klassenkampfes. Sie wäre töricht, ließe sie Sympathien für die AfD auch nur ahnen. Diese – legale – Konkurrenz hilft ihr, den Pendelschwung zugunsten der bürgerlichen Demokratie angesichts immer offensichtlicheren Versagens linksgrüner Konzepte sowohl in der Migrations- als auch der Energie- und letztlich der Wirtschaftspolitik auszunutzen. Wenn Frau Schwesig, immer noch Ministerin im Kabinett Merkel, Protagonistin im Kampf gegen die Meinungsfreiheit an der Seite des Ministers Maas, sich in einer Talkshow dahingehend äußert, dass die Union wie die AfD argumentiere, dann zeigt das, wie düpiert sich die Dame fühlt. Als hätte die Gabriel-Truppe nicht längst ihre R2G-Träume offenbart. Und als wären sie nicht längst geplatzt wie die Kanzlerträume ihres Genossen Schulz.

Die zurückliegenden Landtagswahlen zeigen – das hoffe ich – vor allem, dass die Bürger in Deutschland sich weder von Politikern noch von Redakteuren öffentlich-rechtlicher Verblödungsprogramme konditionieren lassen. Merkel könnte den Schwung dieser sogleich als „Wutbürger“ (Schwesig) denunzierten Wählerbewegung nutzen, bürgerlich-konservative und liberale Kräfte in Deutschland zu stärken. Ihre „paradoxe Intervention“ in einer kritischen Situation, die Übernahme linksgrüner Migrationspolitik, mag schlimme Folgen für die geduldig arbeitenden Mitbürger, für ihre Partei, für die Zivilgesellschaft gehabt haben: Sie hat einerseits eben diese Politik deutlich, schmerzlich erfahrbar, widerlegt, sie hat andererseits Konfliktlagen klar gemacht, in denen Bürger ihre Stimme erheben und Politiker in die Pflicht nehmen müssen. An den Aufgaben, mit denen sie uns „allein gelassen“ hat, war der Sozialismus längst gescheitert. Vielleicht hat ihr auch der „Brexit“ geholfen, die Lage Deutschlands in der EU anders zu bewerten.

Das Arbeitspensum einer neuen Kanzlerschaft wird nicht kleiner, die Zahl ihrer Gegner auch nicht. Angela Merkel wird niemals die euphorische Massenbasis eines „GröSulZ“, nicht einmal die 100% des SPD-Gröschulz haben. Sie wird früher oder später gehen. Was sie gedacht, unterlassen, bewirkt hat, erfahren künftige Generationen vielleicht aus Geschichtsbüchern. Dass die Schulen dann noch in einer Demokratie unterrichten, die den Namen verdient, kann kein Bundeskanzler garantieren, das können nur Bürger, die Freiheit und Rechtsstaat wollen und beides gegen den Gesinnungsterror von Religionen und Ideologien – egal welcher moralischen oder politischen Färbung – verteidigen.

Trolle, Fakenews, Hatespeech und die Realität

LiuXiaobo

Der Friedensnobelpreisträger von 2010 ist seit Dezember 2009 in China inhaftiert

Das Selbstverständnis jeder Gesellschaft lebt nicht zuletzt von ihren Außenseitern. Sie fürchtet, verfolgt und bestraft sie bisweilen, um ihre Vorstellung von sich selbst zu konsolidieren. Ist facebook ein Schauplatz solcher Prozesse? Oder ist es nur ein Sammelpunkt für Klatsch und Tratsch, wie es seit jeher etwa Waschplätze waren? Das vor allem den Frauen eigene unsichtbare Beziehungsmanagement lebt von dem ununterdrückbaren „sozialen Rauschen“ der Gerüchte, Anekdoten, Horrormeldungen und Beziehungsdramen, anhand derer allgemeine Wertvorstellungen und individuelle Haltung durchgehechelt werden. Das Ziel der Klatsch- und Tratschenden ist ambivalent: Nicht jede(r) erhofft sich beim Auftritt im fb oder bei anderen „Social Media“ allgemeine Aufmerksamkeit. Die Mehrheit dürfte sich des wohligen Gefühls vergewissern wollen, in sozialem Einvernehmen zu schwimmen.

Zu jedem verbalen Austausch gehört der Versuch, sich in der Welt zurechtzufinden. Manche Leute sind allerdings darauf trainiert, mittels apriorischer „höherer Moral“ – also religiös, wissenschaftlich oder von Mehrheiten zementierter Glaubenssätze – den Dialog zu dominieren; aus so gewonnener Deutungshoheit leiten sie einen allgemeineren Anspruch auf Führung ab. Sie bezeugen damit tiefe Unsicherheit sowohl den Wechselfällen des Lebens als auch den eigenen Möglichkeiten gegenüber. Dagegen braucht Mut und Selbstvertrauen, wer wie Liu Xiaobo die Grenzen der Ideologie und eigener Bedürfnisse und Ängste überwindet. Trollen fehlt dieses Verständnis. Ihnen liegt nur und ausschließlich an der Selbstdarstellung. Sie wollen Aufmerksamkeit um jeden Preis. Sie schleimen, giften, faseln, salbadern, beleidigen, biedern sich an, kriechen, prahlen, lügen, schmähen, verleumden, heucheln – kurz: sie steigern sich ins ganze von Molière im „Tartuffe“ beschriebene Repertoire der Strategien, mit denen sie sich zu Herren im fremden – öffentlichen – Haus machen wollen. Es bleibt ein ihnen fremdes Haus, aber sie lassen sich gern von jeder Macht – sei’s Religion oder Staat – in Dienst nehmen, die ihnen gesteigertes Selbstgefühl und das Recht der Inbesitznahme verspricht. Sie scheitern, weil sie keinen Zugang zu  wirklichem Vertrauen haben. Sie neiden uns das Vertrauen in die Freiheit, deshalb versuchen sie, es zu paralysieren.

Es gibt relativ wirksame Gegenwehr: Sie ihre Suada singen lassen, ohne darauf zu reagieren, kein Futter für ihre Häme, keines für ihre Geltungssucht. Natürlich kann, wer ’s mag, Trollgefechte als Spiel nehmen – falls nichts besseres zu tun und Sucht halbwegs ausgeschlossen ist. Trolle haben dabei gute Karten. Sie sind darin geübt, „Soziale“ Medien zu strapazieren: Imponiergehabe, Beleidigungen und Drohungen für Gegenspieler, üble Nachrede, Verleumdungen, Unterstellungen, Rufmord, Greuelpropaganda, Hetze, Rassen- und Klassenhass, Geschichtsklitterung, Gerüchte, Klatsch und Tratsch – kurz: Das ganze Repertoire der Sünden gegen das achte Gebot („Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“) erscheint ihnen gerechtfertigt, um ihr Ego zu ertüchtigen. Am liebsten mit korporativer Rückendeckung von Parteien, NGO oder Regierungen. Der Troll taugt zum perfekten Kontrolleur und Denunzianten: Das Übel liegt immer bei den anderen.

Das ist nicht schön. Leider ist es menschlich, denn es gibt keine Belege dafür, dass Menschen ihre selbstgewisse Wahrnehmung massenhaft kritisch reflektierten: Der Balken im eigenen Auge wird gewohnheitsmäßig über dem Splitter im Auge des anderen übersehen. So steht ‘s in der Bibel, die vielleicht nicht direkt göttliche Wahrheiten verkündet, aber beachtliches Erfahrungswissen versammelt. Und ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Dafür gibt es meines Wissens keinen seriösen Gegenbeweis. Neuere Erkenntnisse einschlägiger Disziplinen (Anthropologie, Ethnologie, Psychologie, Neurologie…) sprechen eher dafür.

Jeder und jede unterliegt den naturgesetzlichen Bedingungen eigener – subjektiver – Wahrnehmung. Überlassen wir dem Leben – der Realität – die Entscheidung, was wahr ist. Vertrauen wir vor allem nicht auf „letzte Wahrheiten“: „Nichts bleibt, mein Herz, und alles ist von Dauer“, sagt Erich Kästner. Misstrauen wir allem, was auf Feindbilder und Sündenbockrituale hinaus will. Entmutigen wir die Trolle und ihre staatlichen, ideologischen, religiösen Scharfmacher durch Schweigen, wo es ihnen nicht passt – und Widerspruch, wo sie ihn nicht erwarten.

Der verstellte Frieden

Goya_War2.jpg

Blatt 3 aus Goyas „Schrecken des Krieges“

“Wenn irgendein Konflikt mit Hilfe der Sprache gelöst werden soll, muss er in voller Schärfe und mit allen Sinnen wahrgenommen und nicht zuvor auf die Terminologie politischer Correctness hingebogen oder hinter den Lügen sozialpädagogischen Wunschdenkens versteckt werden.”
So steht’s im dritten Kapitel von „Der menschliche Kosmos“. Und – in aller Bescheidenheit – dort finden sich auch einige wichtige Hinweise auf die Entstehung beispielloser Gewalttaten wie die von Anders B. Breivik, von Robert Steinhäuser in Erfurt 2002, von Emsdetten und Winnenden. Die unbequemen Fragen des Buches passen natürlich nicht in eine Medienlandschaft, die das Ziehen von Schubladen als erfolgreiches Sozialritual etabliert hat.
“Eine Psychopathologie Adolf Eichmanns hat es deshalb nie gegeben, weil sein Verhalten lebenslang den Normativen eines brauchbaren, wenig auffälligen AnGestellten entsprach. Seine Selbstwahrnehmung war entsprechend. Das liegt nun nicht etwa daran, dass Eichmann psychisch nicht gestört gewesen wäre, sondern daran, dass seine psychische Deformation massenhaft verbreitet, ja sogar als besondere Eignung für spezielle politische Ziele willkommen ist.

Ein Apparatschik der mörderischen Art braucht keine „teuflisch-dämonische Tiefe“ – das hat Hannah Arendt schon im Eichmann-Prozess beobachtet. Es genügen Karrieregeilheit und ein empathiefreier Dominanzimpuls. Solche Figuren reussieren besonders in totalitären Systemen: Dserschinski, Beria, Heydrich, Mielke sind nur die bekanntesten von ihnen. Es gibt sie aber in jedem Herrschaftsapparat, auch in demokratischen Staaten. Wenn Parteien sich ihrer Dienste auf dem Weg zur Macht bedienen können, tun sie es. Solange demokratische Öffentlichkeit und Rechtsstaat funktionieren, sind sie aufzuhalten. Sie werden folglich alles daran setzen, Meinungsfreiheit und unabhängige Justiz zu torpedieren. Solche Typen mit einem herzlichen Verhältnis zu Frau und Kindern und – nach eigenem Bekunden – keinerlei persönlichen Aversionen gegen Juden, Russen, Deutsche, Katholiken, Protestanten, Andersfarbige, Schwule, Rechte, Linke oder überhaupt irgendwie „Andere“ drücken aber nötigenfalls – mit dem reinsten Gewissen der Welt – auf den Knopf mit der Hunderttausend-Tote-Technik. Warum? Weil sie es können. Das gilt als gesund.

Das hätte Anders Breivik auch getan, nur hatte er nicht die Rückendeckung eines Regimes. Er hat sich sein eigenes erfunden. Er erfand sich selbst die Partei, die ihn anderenorts als Helden gefeiert hätte. Die Welt ist voll solcher Orte. Jeder Panzerfahrer in Syrien oder Libyen, jeder Anhänger des IS massakriert bedenkenlos Frauen und Kinder, wenn das Feindbild stimmt, um nach dem Einsatz wieder sein Kindchen auf dem Schoß zu schaukeln und seiner Frau zu sagen wie schön sie ist. Ab und zu brechen solche menschengemachten Konstrukte von Recht und Gerechtigkeit zusammen. Die verpimpelten AnGestellten, deren Waffen zu unverdächtigen bürokratischen Prozeduren geschrumpft sind, schlagen dann die Hände überm Kopf zusammen und suchen Rat bei Leuten, die ihnen erklären, dass Massenmörder Psychopathen sind. Sind sie aber nicht.
Schön bequem ist auch die Erklärung von der “narzisstischen Persönlichkeitsstörung”. Sie suggeriert, dass man Massenmörder nur rechtzeitig in eine Menschenreparaturwerkstatt schaffen müsste, um Massaker zu verhindern. Schön. Mozart wäre als Komponist auf diese Art ebenso verhinderbar gewesen wie ETA Hoffmann als Autor, und – auch nur als Beispiel – Konstantin Wecker als Held der Antifa.
“Die auf möglichst massenhaften (Quote!) voyeuristischen Konsum von Gewalt ein-Gestell-ten Medien schreiben die Zyklen von Gewalt- Macht- Lust massenhaft als emotionale Erfolgsgeschichte fort. Die ideologische Trennung von „guter“ und „böser“ Gewalt ver-stellt ihre Wahrnehmung als Geschichte zerstörter Möglichkeiten.”
Das Problem menschlicher Wahrnehmung ist, dass sie nicht wissen will, was quer zu ihren weitgehend und vor allem kurzfristigen und kurzsichtigen Erlangungs- und Vermeidungsstrategien steht. Das finden Sie unzutreffend? Ich freue mich auf Ihre Kommentare – aber lesen sollten Sie vorher schon.

(Der Artikel aktualisiert „Die unsichtbaren Massenmörder“ vom 31.11.2011)

Der Riss durch die Welt

IMG_20160928_192453Darf, soll sich einer nicht zerrissen fühlen, wenn er die Schönheit der Welt erschaut, hört, mit allen Sinnen sich ihr zeitlebens geöffnet hat, andererseits immer wieder der Massaker gewahr wird, der unbelehrbaren Hassgesänge in den Medien, des Gekreischs der nach Aufmerksamkeit gierenden Sozialmechaniker, die mit ihren kausalen Kurzschlüssen alles erklären zu können meinen, kurz: Aller erdenklichen Hässlichkeit jenseits allen Maßes und ohne Aussicht auf Besinnung, ohne Einlenken mit dem Blick darauf, wie viel Schönheit ihre fanatisch auf eigene Dominanz fixierte Wahrnehmung fortwährend, in jedem Augenblick, unwiederbringlich zerstört? Es wird ihn zerreißen. Und er wird resignierend feststellen, dass hier Naturgesetze geradesogut für das Geschehen verantwortlich zu machen sind wie eine undurchschaubare göttliche Weisheit.

Aber ich werde nie akzeptieren, dass irgendwer für sich beanspruchen darf, göttlicher oder “wissenschaftlicher” Sendung zu folgen (im Falle der “wissenschaftlichen Weltanschauung” des Marxismus-Leninismus-Maoismus handelt es sich zwar um Ersatzreligion, aber solche Unterschiede werden von ihren Anhängern beharrlich ignoriert), die just seine Weltsicht als Ausweis religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Vormacht unangreifbar macht und ihm erlaubt, andere zu dominieren.

Die vermeintliche zeitliche Abfolge von Gesellschaftsformen erweist sich als fortdauerndes Nebeneinander. Sie sind alle da: Die Rudelführer, Kriegsherren, Sklavenhalter und –händler, Cäsaren und ihre Statthalter, Propheten aller Art nebst Mitläufern, Zaren, Kaiser, Revoluzzer und Umstürzler, Dorftyrannen, Stammesfürsten samt Harem, Menschenfresser, Bombenwerfer, Blockwarte und Lagerverwalter – und Heerscharen von Nutznießern, Weißwäschern, Denunzianten – Männlein und Weiblein – haschen nach ihrem Anteil am beseligenden Gefühl der Zugehörigkeit, nach dem Schutz der Herde und ihrem Moment der Teilhabe an Gewalt Macht Lust.

Sie sammeln sich auch um passende Gegenspieler. Gern maskiert sich der Wunsch nach Umsturz als Opferpose; passiv-aggressiv verharrt, wer zur Ohnmacht verurteilt ist, im Destruktiven, wird heimlich zum Gegenspieler – zur Gegenspielerin – der Mächtigen, bis sie in unvermeidliche Krisen geraten, dann läuft er den neuen Herren zu. Dabei sortieren sich die Herrinnen gern im Hintergrund: In Jahrhunderttausenden haben sie gelernt, mit Verhältnissen umzugehen, die Männern Heldenposen gestatten, ihnen und der Nachkommenschaft ein gedeihliches Auskommen im Windschatten. Natürlich kennt die Neuzeit den Prinzgemahl. Aber egal wie “queer” sich Geschlechter-Verhältnisse gestalten mögen: Die überkommenen menschlichen Handlungsimpulse aller Epochen prägen sie. Neid, Hab- und Machtgier, Eifersucht, Missgunst, Argwohn, Feigheit, Rachsucht. Die entgegengesetzten freilich auch: Liebe, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit…

Das Schöne bleibt – so gern jeder Politkitsch es in plastinierter Form dienstbar machen möchte – ein Gemeingut, das sich nur die Ärmsten der Armen für Geld abkaufen lassen.

Kriminelle und gewaltbereite Zuwanderer

Bundesarchiv_Bild_183-1988-0317-312,_Alexander_Schalck-GolodkowskiDass mit dem Zustrom von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten auch dessen Konflikte zu uns kommen, kann ebensowenig verwundern, wie der Zustrom von Kriminellen und Stasis im Zuge der Ausreise aus der DäDäÄrr seit den 70er Jahren bis zu deren Zusammenbruch. Sie brachten ihre kriminelle Energie mit – oder den Welt-Verbesserer-Wahn des Marxismus-Leninismus. Manche warfen sich aufs (kriminelle) Reichwerden, manche arbeiten immer noch daran, dä DäDäÄrr wieder aufleben zu lassen. Die meisten wurden ganz normale Bundesbürger.

Zu bezweifeln ist indessen noch, dass afrikanische Warlords, saudische Potentaten, die Herren Assad, Erdogan und andere Premiumkunden der deutschen Waffenexport-Wirtschaft in nächster Zeit Zuflucht am Tegernsee finden, wie einst der Stasioberst, Waffenhändler und Duzfreund von F.J. Strauß, Herr Alexander Schalck-Golodkowski. (Bild aus dem Bundesarchiv, Bild 183-1988-0317-312 / Brüggmann, Eva / CC-BY-SA 3.0)

Die Qualitäten unseres Gemeinwesens – eine ist Meinungsfreiheit, also auch Transparenz der Extreme – werden sich in harten Konflikten behaupten müssen. Schafft es unsere Kultur, überzeugend zu belegen, dass Dominanz keine zukunftsfähige Strategie ist? Dass Aufklärung, kooperativer Ideenreichtum, Wohlstand und Solidarität  der unheiligen Dreifaltigkeit von Gewalt – Macht – Lust  gewachsen sind? Dass das „Leben der Anderen“ in womöglich mühsamen Prozessen mit unserem eigenen zusammen fruchtbar werden kann?

Der Glaube, die Hoffnung, dass es gelingen kann, sind keine Frage der Religion. Religion und Aufklärung müssen sich gegenseitig nicht ausschließen – aber damit sind wir noch ganz am Anfang. Jeder Einzelne. Herdenimpulse und Feindbilder sind tief eingewurzelt – die “Schwarmintelligenz” hat ihre Tauglichkeit zur Konfliktbewältigung bis heute nicht bewiesen, jedenfalls nicht in den “Social Media”. Dort toben sich dieselben Reflexe aus wie im Dreißigjährigen Krieg, im Nationalismus, im Totalitarismus. Sei’s drum: Die Bewegung der Hilfesuchenden richtet sich nicht nur auf den ökonomischen Erfolg, unser Wohlstand besteht nicht nur aus “Anspruchsberechtigung an Sozialsysteme”. Dieser Sozialismus ist kollabiert. Übersehen wir nicht, dass er – wie der Kommunismus – auf dem Holz der kapitalistischen Wirtschaftsform gewachsen ist. Marktwirtschaft, Demokratie, Rechtsstaat bieten indessen genügend Raum für eine Kultur jenseits des Denkens in Zahlen, Klassen, göttlichen Verheißungen, und “Amboss-oder-Hammer”-Schemata. Für Krisen und Konflikte brauchen wir sie, und es gibt sie schon – allerdings nicht in den quotenfixierten Erzählungen der Massenmedien.

Lektionen von Liebe, Vertrauen und Glück

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Friedhof in Gernsbach

Friedhof in Gernsbach

Dietrich ‪Bonhoeffer‬ beschloss so sein Gedicht im letzen Brief aus der Haft 1945 an seine Mutter und seine Verlobte. Maria von Wedemeyer wurde nach ihrem Tod 1977 in ‪Gernsbach‬ bestattet; eine Gedenktafel mit dem Gedicht erinnert neben dem Eingang zum Friedhof an ein mutiges Leben und eine unerfüllte Liebe. An einem Tag wie heute findet einer dort Hoffnung, Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens, Ermutigung gegen die Banalität des Bösen.

Was macht diese Banalität aus? Zur – erfolgreichen – Grundausstattung menschlicher Wahrnehmung und menschlicher Verhaltensimpulse gehört, auf Angst einflößende Eindrücke sehr schnell aggressiv reagieren zu können: Mit Draufschlagen – aktiv – oder Verweigern – passiv. Das Repertoire einschlägiger Handlungen ist viel größer als das Repertoire menschlicher Zuwendung. Die Mienen des Hasses, des Ekels, drohende Gesten und andere aggressive Signale  nonverbaler Kommunikation sind – das lässt sich schon bei kleinen Kindern beobachten – viel leichter abrufbar als Signale der Sympathie. Ausnahme: Das wohlfeile und unspezifische Lächeln. „Seien wir nett zueinander und tun wir uns nichts“: Das ist ein guter, in der Regel erfolgreicher Einstieg fürs Kommunizieren – oder eine lügnerische Falle. Bohoeffers Gedicht (Fassung des Evangelischen Gesangbuchs aus der Wikipedia) fehlt dieses gleisnerische Lächeln, es ist tiefernst:

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

2. Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

So fasst einer im Angesicht des Todes seine Liebe zum Leben in Worte. Derlei passt freilich nicht in eine Spaßgesellschaft, die davon lebt, schnell und schillernd Feindbilder entstehen zu lassen und auszumalen. Das Böse, die Bösen – sei ’s in Effigie – zu verprügeln ist sexy, garantiert Applaus und gutes Ansehen bei den Guten. In der Euphorie von Quoten und Klickzahlen arbeiten all diese Guten, die bei genauem Hinsehen leider nur Gutmeinende sind, Hass und Gewaltherrschaft zu. Es kostet sie nichts. Sie verdienen gut damit, sich selbst und die Beifall blökende Herde gut aussehen zu lassen. Im Knast, in den Lagern saßen und sitzen andere, denen die Gutmeinenden aus der Entfernung und im Nachhinein nicht mehr schulden als billige Mitleidsrituale und eine gewisse Ehrfurcht: Lippenbekenntnisse.

Bonhoeffers Gedicht aus der Todeszelle dagegen gibt dem Einzelnen das Vertrauen zurück: Ob er an einen Schöpfer glaubt oder nicht – menschliche Größe bemisst sich an Qualität, nicht an Quantität.

War das jetzt zu kompliziert für Sie? Ich glaube nicht. Ich folge nicht jener Logik von Medienmachern in Öffentlich-Rechtlichen oder privaten Anstalten, nach der die Mehrzahl der Menschen zu einfältig ist, Konflikte anders zu verstehen als wenn sie in öden journalistischen Ritualen aufs Niveau von Deppen „heruntergebrochen“ sind. Viele Politiker und Journalisten kehren Konflikte zum Zweck eigener Daseinsvorsorge unter den Teppich, oft und lange erfolgreich – Lösungen haben sie nicht anzubieten. Das wollen sie auch gar nicht. Sie wollen Klicks und Quote, massenhaft. Der Einzelne soll in ihrer Rechnung vernachlässigt werden können. Das ist das Grundprinzip des Sozialismus – auch des Nationalsozialismus. Bonhoeffer – leider zu wenige Einzelne mit ihm – sind dieser Rechnung nicht gefolgt.